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Suizidalität bei christlich queeren Menschen

Religiös begründete Ablehnung als Risikofaktor, Affirmation als Schutzfaktor: eine ausführliche Übersicht der Forschungslage

Erstellt von Lea Blattner/Zwischenraum Schweiz, Stand: Juni 2026

Inhaltswarnung: Suizid, spiritueller Missbrauch
In diesem Bericht werden Suizid, Suizidgedanken, und / oder -versuche und spiritueller Missbrauch thematisiert. Entscheide selbst, ob du dich im Moment damit befassen willst, oder ob du den Inhalt mit einer Person deines Vertrauens besprechen möchtest.
Falls du selbst Suizidgedanken hast, hole dir Hilfe, zum Beispiel bei folgenden Adressen:
– Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143
– Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147
– LGBTIQ Helpline: Telefon 0800 133 133, https://www.lgbtiq-helpline.ch/de 
– Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Zusammenfassung

Dieser Bericht fasst die aktuelle Forschungslage ausführlich zusammen: Wie hängen Religiosität, christliche Erziehung und Suizidalität bei queeren Menschen zusammen? Anlass für die Recherche war ein Instagram-Karussell zu diesem Thema. Dieser Bericht zeigt die Grundlage dahinter in grösserer Tiefe, als das in einem Social-Media-Post möglich ist. Er richtet sich an Leserinnen und Leser, die das Thema gründlich verstehen möchten, ohne selbst Fachleute aus der Wissenschaft zu sein.

Zum Instagram-Post

Die Daten zeigen ein klares Muster, das sich durch fast alle hier vorgestellten Studien zieht: Queere Menschen haben ein deutlich höheres Suizidrisiko als die Allgemeinbevölkerung. Dieses Risiko entsteht jedoch nicht durch die queere Identität selbst. Es entsteht durch die Art, wie die Umgebung mit dieser Identität umgeht. Religion macht das Risiko nicht automatisch grösser oder kleiner. Entscheidend ist, ob eine religiöse Gemeinschaft oder eine Familie queere Identität annimmt oder ablehnt. Wo Annahme stattfindet, sinkt das Risiko deutlich. Wo Ablehnung stattfindet, steigt es. Diese Unterscheidung zwischen Annahme und Ablehnung ist die wichtigste Lehre aus der gesamten hier vorgestellten Forschung, und sie ist auch die Grundlage des Instagram-Posts.

Der Bericht stützt sich auf zehn Quellen unterschiedlicher Art: wissenschaftliche Einzelstudien aus international anerkannten Fachjournalen, einen systematischen Forschungsüberblick, der viele Einzelstudien zusammenfasst (ein sogenannter Review), sowie Berichte bekannter Organisationen wie The Trevor Project und das Williams Institute der Universität UCLA. Diese Organisationen sind keine rein akademischen Forschungseinrichtungen, sondern setzen sich aktiv für die Belange queerer Menschen ein. Das macht ihre Daten nicht weniger wertvoll, es bedeutet aber, dass man bei der Einordnung der Ergebnisse den Hintergrund der jeweiligen Organisation mitdenken sollte. Die meisten der hier zitierten Studien stammen aus den Vereinigten Staaten, weil dort die meiste und am besten finanzierte Forschung zu diesem Thema stattfindet. Eine Studie aus den Niederlanden vergleicht direkt verschiedene christliche Richtungen miteinander und ist deshalb für den deutschsprachigen Raum besonders aufschlussreich, da die religiöse Landschaft dort der Schweiz und Deutschland in ihren Grundzügen ähnelt.

Inhalt

  1. Theoretischer Hintergrund: Minority Stress
  2. Ausgangslage: Suizidalität bei queeren Menschen
  3. Religion und Suizidalität: Der zentrale Zusammenhang
  4. Unterschiede zwischen christlichen Richtungen
  5. Die Rolle von Familie und Eltern
  6. Affirmation als Schutzfaktor
  7. Konversionsmassnahmen
  8. Zusammenfassung der belegten Kernaussagen

1. Theoretischer Hintergrund: Minority Stress

Bevor einzelne Studienergebnisse betrachtet werden, lohnt sich ein Blick auf das theoretische Modell, das fast der gesamten hier zusammengefassten Forschung zugrunde liegt: das Minority-Stress-Modell von Ilan Meyer, erstmals umfassend 2003 veröffentlicht. Dieses Modell ist seit seiner Veröffentlichung zum wichtigsten Erklärungsansatz dafür geworden, warum sexuelle und geschlechtliche Minderheiten im Durchschnitt häufiger psychisch belastet sind als die Mehrheitsbevölkerung. Fast jede grössere wissenschaftliche Studie zur psychischen Gesundheit von LGBTQ-Personen bezieht sich heute, mehr als zwanzig Jahre nach der ersten Veröffentlichung, auf dieses Modell oder eine seiner Weiterentwicklungen.

Die Grundidee lässt sich folgendermassen zusammenfassen: Menschen, die einer gesellschaftlich abgewerteten Gruppe angehören, sind einem dauerhaften, sich über die Zeit aufbauenden sozialen Stress ausgesetzt. Dieser Stress geht deutlich über einzelne schlechte Erfahrungen hinaus, die jeder Mensch irgendwann macht. Er entsteht bereits daraus, in einer Gesellschaft zu leben, die die eigene Identität als abweichend, ungewöhnlich oder weniger wert markiert. Das gilt selbst dann, wenn im konkreten Moment nichts offensichtlich Schlimmes passiert. Es reicht zum Beispiel, regelmässig Nachrichten zu sehen, in denen über die eigene Gruppe abwertend gesprochen wird, oder zu wissen, dass man in bestimmten Situationen besser vorsichtig sein sollte, um sich selbst zu schützen. Diese dauerhafte, oft unbewusste Anspannung ist in zahlreichen Studien mit stärkerer psychischer Belastung verbunden worden, darunter Depression, Angststörungen und eben auch Suizidalität.

Meyer unterscheidet drei Quellen dieses Stresses, die sich analytisch trennen lassen, in der gelebten Wirklichkeit eines Menschen aber meist zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken:

  • Erlebte Ereignisse: Dies sind konkrete, von aussen sichtbare und in der Regel auch von anderen Personen bezeugbare Vorfälle. Beispiele sind Diskriminierung am Arbeitsplatz, etwa wenn jemand wegen seiner sexuellen Orientierung nicht befördert wird, verbale Beschimpfungen auf der Strasse, körperliche Gewalt oder der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe, etwa einer Familienfeier oder einem Freundeskreis. Diese Kategorie lässt sich für die Forschung vergleichsweise einfach erfassen, weil sich Menschen an solche konkreten Vorfälle gut erinnern und sie auch beschreiben können.
  • Erwartete Ablehnung: Diese zweite Stressquelle ist subtiler, aber nicht weniger belastend. Sie beschreibt die innere Erwartung, künftig abgelehnt zu werden, verbunden mit einer ständigen Wachsamkeit gegenüber der eigenen Umgebung. Diese Form von Stress entsteht unabhängig davon, ob tatsächlich etwas Negatives passiert. Es reicht die Möglichkeit, dass etwas passieren könnte. Man überlegt sich beispielsweise vor jedem neuen sozialen Kontakt, ob man die eigene sexuelle Orientierung erwähnen sollte oder nicht, beobachtet die Reaktionen anderer genauer als nötig, oder vermeidet bestimmte Orte oder Situationen aus Vorsicht. Allein diese ständige Wachsamkeit kostet erhebliche psychische Energie, auch wenn am Ende nichts Schlimmes passiert.
  • Verinnerlichte Abwertung: Dies ist nach Einschätzung vieler Forscherinnen und Forscher die schädlichste der drei Stressquellen. Sie beschreibt den Vorgang, bei dem eine Person die negative gesellschaftliche Bewertung der eigenen Identität in ihr eigenes Selbstbild übernimmt. Anders gesagt: Die Person beginnt, selbst zu glauben, dass an ihr etwas falsch oder weniger wert ist, weil sie das von aussen oft genug gehört oder gespürt hat. Dieser Mechanismus gilt in der Forschung als besonders eng mit Depression und Suizidalität verbunden, weil die Abwertung dann nicht mehr nur von aussen kommt und sich theoretisch durch eine veränderte Umgebung verringern liesse, sondern von innen, und damit deutlich schwerer zu bearbeiten ist.

Für das Thema dieses Berichts ist eine weitere Überlegung von zentraler Bedeutung, die im Modell selbst angelegt ist, aber für den religiösen Kontext besonders ausbuchstabiert werden muss: Religiöse Gemeinschaften können in diesem Modell auf zwei sehr unterschiedliche Arten wirken. Sie können Stress auslösen oder verstärken, etwa wenn sie queere Identität klar und wiederholt ablehnen, sie als Sünde bezeichnen oder Mitglieder mit queerer Identität ausschliessen. Sie können aber auch genau das Gegenteil bewirken und Stress abfedern, wenn sie Zugehörigkeit, soziale Unterstützung und einen Sinn im Leben bieten, ohne dabei die Identität der Person zu verneinen oder infrage zu stellen. Ein und dieselbe Institution, etwa eine bestimmte Kirche, kann je nachdem, wie sie mit queeren Mitgliedern umgeht, also entweder eine Hauptquelle von psychischem Stress oder eine Hauptquelle von psychischer Stabilität sein.

Das Modell erklärt damit auch, warum es in der wissenschaftlichen Literatur zu Religiosität und queerer psychischer Gesundheit auf den ersten Blick widersprüchliche Ergebnisse gibt, die bei genauerem Hinsehen aber gut zusammenpassen. Manche Studien finden, dass Religiosität schadet, andere finden, dass sie schützt. Der entscheidende Punkt ist: Es kommt darauf an, welche konkrete Art von religiöser Praxis und welcher konkrete soziale Umgang gemeint ist. Religiosität allgemein und undifferenziert zu betrachten, etwa nur mit der Frage „Ist diese Person religiös: ja oder nein?“, reicht für eine sinnvolle wissenschaftliche Aussage nicht aus. Erst wenn man genauer hinschaut, ob die jeweilige religiöse Umgebung annehmend oder ablehnend ist, ergibt sich ein klares und konsistentes Bild.

2. Ausgangslage: Suizidalität bei queeren Menschen

Bevor der spezifische Zusammenhang zwischen Religion und Suizidalität im Detail betrachtet werden kann, braucht es zunächst eine solide Ausgangslage: Wie stark sind queere Menschen allgemein, unabhängig von Religion, von Suizidalität betroffen, verglichen mit der Allgemeinbevölkerung? Ohne diese Ausgangslage liesse sich später nicht beurteilen, ob ein Zusammenhang mit Religion das Risiko zusätzlich erhöht oder verringert. Die folgenden zwei Quellen liefern dazu die notwendige Grundlage.

Quelle 1: Knuth (2026)

Titel:  Therapie-Kürzungen: Eine queere Notlage

Publikationsort:  männer*media

Art:  Journalistischer Bericht mit Quellenangaben (RKI-Daten, internationale Metaanalysen)

Sprache/Kontext:  Deutsch, bezieht sich vor allem auf den deutschsprachigen Raum

Link: männer*media

Dieser Bericht ist keine eigenständige wissenschaftliche Studie im engeren Sinn. Er fasst stattdessen internationale und nationale Forschungsdaten zusammen und übersetzt sie für ein deutschsprachiges, nicht-akademisches Publikum in verständliche Sprache. Diese Art von Quelle wird in der Wissenschaft als Sekundärquelle bezeichnet, das heisst, sie erhebt keine eigenen neuen Daten, sondern bündelt vorhandene Forschung. Der Bericht entstand im Zusammenhang mit der politischen Diskussion über geplante oder bereits umgesetzte Kürzungen in der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland, und er verbindet diese aktuelle politische Entwicklung bewusst mit Hintergrunddaten zur psychischen Gesundheit queerer Menschen, um zu zeigen, wen solche Kürzungen besonders hart treffen würden.

Befunde:

  • Das Suizidrisiko ist bei queeren Menschen im deutschsprachigen Raum nach den im Bericht zusammengefassten Daten etwa sechsmal so hoch wie bei cis-heterosexuellen Menschen, also Menschen, die heterosexuell sind und sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren.
  • Bei trans* und genderdiversen Personen, also Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, liegt das Risiko nach denselben zusammengefassten Daten bis zum Zehnfachen der Vergleichsgruppe.
  • Der Bericht stützt sich ausdrücklich auf Daten des Robert Koch-Instituts, der zentralen deutschen Bundesbehörde für die Beobachtung und Erforschung von Krankheiten, sowie auf internationale Metaanalysen. Eine Metaanalyse ist eine statistische Methode, bei der die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien zu einem einzigen, verlässlicheren Gesamtwert zusammengeführt werden. Der Bericht selbst listet aber nicht jede einzelne zugrunde liegende Studie im Detail auf, weshalb er als journalistische Zusammenfassung und nicht als eigenständige wissenschaftliche Arbeit zu verstehen ist.

6-fach erhöhtes Suizidrisiko (queere Menschen allgemein), bis zu 10-fach (trans* Personen), verglichen mit der cis-heterosexuellen Bevölkerung.

Einordnung: Da es sich um eine journalistische Sekundärquelle handelt, sind die genannten Multiplikatoren als Näherungswerte zu verstehen, die aus mehreren unterschiedlichen Studien stammen. Sie sind nicht das Ergebnis einer einzigen, methodisch einheitlich durchgeführten Erhebung, und die genaue Vergleichsgrösse kann je nach zugrunde liegender Studie leicht variieren.

Quelle 2: The Trevor Project (2025)

Titel:  2025 U.S. National Survey on the Mental Health of LGBTQ+ Young People

Herausgeber:  The Trevor Project (US-amerikanische Organisation, spezialisiert auf Suizidprävention bei LGBTQ-Jugendlichen)

Stichprobe:  über 16.000 queere Jugendliche, 13-24 Jahre, USA

Methode:  jährliche, breit angelegte Online-Befragung mit national repräsentativem Anspruch

Link: The Trevor Project

The Trevor Project führt seit mehreren Jahren in Folge eine der grössten verfügbaren Befragungen zur psychischen Gesundheit queerer Jugendlicher in den USA durch, und diese jährliche Wiederholung erlaubt es auch, Entwicklungen über die Zeit zu beobachten. Die Organisation kennt sich mit dem spezifischen Thema Suizidprävention bei LGBTQ-Jugendlichen sehr genau aus, was sich in der Sorgfalt und thematischen Tiefe der verwendeten Fragebögen zeigt. Gleichzeitig ist wichtig zu wissen: The Trevor Project ist keine neutrale, rein akademische Forschungseinrichtung. Es ist eine Organisation, die sich aktiv und mit klarem Ziel für das Wohl queerer Jugendlicher einsetzt und unter anderem eine Krisenhotline betreibt. Das ist bei der Einordnung der Ergebnisse mitzubedenken, etwa hinsichtlich der Frage, wer überhaupt an der Befragung teilnimmt und ob bestimmte Themen stärker beleuchtet werden als andere. Die verwendeten Befragungs- und Auswertungsmethoden selbst entsprechen aber wissenschaftlichen Standards und werden in begleitenden technischen Dokumenten ausführlich beschrieben und offengelegt.

Befunde:

  • 39 % der queeren Jugendlichen haben im vergangenen Jahr ernsthaft über einen Suizidversuch nachgedacht. Bei trans* und nicht-binären Jugendlichen, also Jugendlichen, die sich weder eindeutig als männlich noch als weiblich verstehen, liegt dieser Anteil bei rund 50 %, also bei jedem zweiten Jugendlichen dieser spezifischen Gruppe. Das ist ein besonders hoher und besorgniserregender Wert.
  • 14 % der befragten queeren Jugendlichen haben im vergangenen Jahr tatsächlich einen Suizidversuch unternommen, also nicht nur darüber nachgedacht, sondern konkret gehandelt. Bei heterosexuellen, cis-geschlechtlichen Gleichaltrigen liegt dieser Wert in vergleichbaren nationalen Erhebungen bei etwa 3 %. Das bedeutet einen Unterschied um mehr als das Vierfache zwischen den beiden Gruppen.
  • Bisexuelle Jugendliche zeigen in dieser und mehreren anderen, weiter unten besprochenen Studien die höchsten Werte für Suizidgedanken innerhalb der gesamten queeren Gruppe, also sogar höher als bei schwulen oder lesbischen Jugendlichen. Dieser wiederkehrende Befund deutet auf besondere Belastungen hin, die bisexuelle Menschen erfahren können, sowohl von ausserhalb queerer Gemeinschaften, wo Bisexualität manchmal nicht ernst genommen wird, als auch von innerhalb dieser Gemeinschaften, wo Ähnliches vorkommen kann.
  • Ein besonders aussagekräftiger Befund betrifft die Rolle der sozialen Umgebung: Queere Jugendliche, die ihre Umgebung als stark akzeptierend einschätzten, hatten eine Suizidversuchsrate, die unter einem Drittel der Rate jener Jugendlichen lag, die ihre Umgebung als wenig akzeptierend einschätzten. Mit anderen Worten: In einer akzeptierenden Umgebung zu leben, ist mit einem um mehr als zwei Drittel geringeren Risiko verbunden, einen Suizidversuch zu unternehmen, verglichen mit einer ablehnenden Umgebung. Dies ist einer der deutlichsten und eindrücklichsten Belege in der gesamten hier zusammengetragenen Forschung dafür, wie stark soziale Akzeptanz tatsächlich schützen kann.

39 % Suizidgedanken, 14 % Suizidversuche im vergangenen Jahr. In akzeptierenden Umgebungen: weniger als ein Drittel dieser Rate.

3. Religion und Suizidalität: Der zentrale Zusammenhang

Dieser Abschnitt behandelt die wichtigste und für das Gesamtverständnis entscheidende Frage des Berichts: Wie genau verändert sich das Suizidrisiko queerer Menschen, je nachdem wie religiös sie sind oder wie religiös ihr Umfeld ist? Und unterscheidet sich dieser Zusammenhang grundlegend von dem, was man bei heterosexuellen Menschen beobachtet? Zwei umfangreiche Quellen liefern dazu die wichtigsten und methodisch fundiertesten Antworten.

Quelle 3: Park, K. & Hsieh, N. (2022/2023)

Titel:  A National Study on Religiosity and Suicide Risk by Sexual Orientation

Journal:  American Journal of Preventive Medicine, 64(2), 235-243

DOI:  10.1016/j.amepre.2022.08.020

Stichprobe:  163.995 Personen, National Survey on Drug Use and Health (NSDUH) 2016-2019, USA

Methode:  statistische Auswertung (sogenannte logistische Regression) mit getrenntem Vergleich nach sexueller Orientierung und Geschlecht

Link: ScienceDirect

Diese Studie gehört aufgrund mehrerer methodischer Vorzüge zu den stärksten Quellen in diesem gesamten Bericht. Erstens ist die Stichprobe mit fast 164.000 Personen ausserordentlich gross, was die statistische Verlässlichkeit der Ergebnisse deutlich erhöht. Zweitens nutzt die Studie den National Survey on Drug Use and Health (NSDUH), einen Datensatz, der jährlich vom US-Gesundheitsministerium erhoben wird und als eine der verlässlichsten verfügbaren Datenquellen zur Gesundheit der gesamten US-Bevölkerung gilt, nicht nur zu einer bestimmten Untergruppe. Drittens haben die Autorinnen Daten aus gleich vier aufeinanderfolgenden Erhebungsjahren zusammengeführt, ein Verfahren, das in der Statistik als „Pooling“ bezeichnet wird. Das war notwendig, damit auch für die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich kleinere Gruppe sexueller Minderheiten genügend Personen für verlässliche statistische Aussagen zur Verfügung standen.

Hinweis zur Quellenangabe: In einer früheren, kürzeren Version dieses Berichts wurde diese wichtige Studie versehentlich mit dem Autorennamen Luo, Y. zitiert. Bei einer erneuten, sorgfältigen Prüfung der Originalquelle für die vorliegende, ausführlichere Fassung wurde festgestellt, dass dies nicht korrekt war. Die tatsächlichen Autorinnen der Studie sind Park, K. und Hsieh, N. Diese Korrektur ist in der gesamten vorliegenden Fassung durchgehend berücksichtigt worden und wird hier sowie im abschliessenden Abschnitt zu methodischen Einschränkungen zur vollständigen Transparenz nochmals ausdrücklich dokumentiert.

Befunde:

  • Bei heterosexuellen Menschen ist regelmässiger Gottesdienstbesuch durchgehend und über alle drei untersuchten Masse hinweg, also Suizidgedanken, Suizidpläne und tatsächliche Suizidversuche, mit niedrigeren Werten verbunden. Dieses Ergebnis entspricht dem, was man aufgrund der bisherigen, deutlich umfangreicheren Forschung zu Religion und psychischer Gesundheit in der Allgemeinbevölkerung erwarten würde, und bestätigt damit etablierte Erkenntnisse.
  • Bei schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen zeigt sich hingegen das genaue Gegenteil: Gottesdienstbesuch ist mit höheren Werten für alle drei genannten Masse verbunden, also mit mehr Suizidgedanken, mehr Suizidplänen und mehr tatsächlichen Suizidversuchen.
  • Auch persönliche religiöse Überzeugungen, also Religiosität, die unabhängig vom tatsächlichen Gottesdienstbesuch erhoben wurde, zeigen ein differenziertes Bild: Bei heterosexuellen Menschen sind diese Überzeugungen mit weniger Suizidplänen und -versuchen verbunden. Bei bisexuellen Menschen ist dieser schützende Zusammenhang deutlich schwächer ausgeprägt und statistisch weniger gut nachweisbar als bei Heterosexuellen.
  • Wenn man die Ergebnisse zusätzlich nach Geschlecht innerhalb der jeweiligen sexuellen Orientierung aufschlüsselt, zeigen sich die beschriebenen ungünstigen Effekte am stärksten ausgeprägt bei schwulen Männern und bei bisexuellen Frauen.
  • Über die spezifische Frage nach Religion hinaus liefert die Studie auch wichtige deskriptive, also rein beschreibende Grundlagendaten: Sexuelle Minderheiten weisen insgesamt eine deutlich höhere Häufigkeit von Suizidgedanken, Suizidplänen und Suizidversuchen auf als heterosexuelle Personen. Innerhalb der Gruppe sexueller Minderheiten zeigt sich das höchste Risiko bei bisexuellen Personen: 19 % von ihnen berichteten Suizidgedanken im vergangenen Jahr, und 8 % berichteten einen konkreten Suizidplan oder tatsächlichen Suizidversuch im selben Zeitraum.

Dieselbe religiöse Praxis, nämlich Gottesdienstbesuch, ist mit niedrigerem Suizidrisiko bei heterosexuellen Menschen und mit höherem Suizidrisiko bei homo- und bisexuellen Menschen verbunden.

Einordnung: Die Studie beruht auf einer Momentaufnahme der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt, einer sogenannten Querschnittserhebung, kombiniert über vier Jahre. Solche Erhebungsformen können zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen zwei Dingen besteht, sie können aber nicht mit Sicherheit zeigen, was die Ursache und was die Wirkung ist, oder ob möglicherweise eine dritte, hier nicht erfasste Eigenschaft beide Faktoren beeinflusst. Ausserdem stammen alle Daten aus den USA. Ob sich die genauen Zahlen in vergleichbarer Höhe auf die Schweiz oder Deutschland übertragen lassen, ist zwar naheliegend und plausibel, aber nicht durch eigene, vergleichbar umfangreiche Erhebungen in diesen Ländern belegt, da solche grossen, repräsentativen Datensätze dort bislang fehlen.

Quelle 4: Goodman, M.A. (2024)

Titel:  Associations between religion and suicidality for LGBTQ individuals: A systematic review

Journal:  Archive for the Psychology of Religion

DOI:  10.1177/00846724241235181

Umfang:  systematischer Forschungsüberblick (Review), eingeschlossene Einzelstudien aus dem Zeitraum 2000 bis 2024

Link: Sage Journals

Ein systematischer Review unterscheidet sich grundlegend von einer einzelnen Studie und hat dieser gegenüber einen entscheidenden methodischen Vorteil: Er zeigt nicht nur das Ergebnis einer einzigen Erhebung an einem einzigen Ort zu einem einzigen Zeitpunkt, sondern fasst den gesamten verfügbaren Forschungsstand zu einer Fragestellung zusammen. Für diesen Review hat Goodman systematisch, also nach einem festgelegten und nachvollziehbaren Verfahren, alle verfügbaren, von Fachleuten begutachteten Veröffentlichungen gesucht und ausgewertet, die den Zusammenhang zwischen Religiosität und Suizidalität bei LGBTQ-Personen empirisch, also mit echten erhobenen Daten, untersucht haben. Jede einzelne dieser gefundenen Studien wurde danach kategorisiert, ob sie Religiosität insgesamt eher als Risikofaktor oder eher als Schutzfaktor beschreibt, oder ob sie keinen klaren Zusammenhang finden konnte.

Befunde:

  • 65 % der eingeschlossenen Einzelstudien fanden mindestens einen religionsbezogenen Faktor, der das Suizidrisiko bei queeren Personen erhöht.
  • 41 % der eingeschlossenen Einzelstudien fanden mindestens einen religionsbezogenen Faktor, der vor Suizidrisiko schützt. Wichtig zu verstehen ist hierbei: Eine einzelne Studie kann durchaus sowohl risikoerhöhende als auch schützende Faktoren gleichzeitig finden, je nachdem, welche konkrete Facette von Religiosität jeweils untersucht wurde. Deshalb addieren sich die genannten Prozentwerte nicht auf insgesamt 100 Prozent.
  • 53 % der eingeschlossenen Studien fanden gar keinen statistisch klaren Zusammenhang zwischen Religiosität und Suizidalität, weder in die eine noch in die andere Richtung. Dieser hohe Anteil an Nullbefunden zeigt, wie unterschiedlich und teils widersprüchlich die Ergebnisse in diesem Forschungsfeld insgesamt ausfallen, wenn man Religiosität nur als grobe, undifferenzierte Variable betrachtet.
  • Der mit deutlichem Abstand am häufigsten als Risikofaktor identifizierte einzelne Faktor über alle eingeschlossenen Studien hinweg ist nicht Religiosität an sich, sondern der innerlich erlebte Konflikt zwischen religiöser und queerer Identität, also das Gefühl, sich zwischen zwei wichtigen Teilen der eigenen Persönlichkeit entscheiden zu müssen oder diese nicht miteinander vereinbaren zu können.
  • Weitere, etwas seltener, aber wiederkehrend identifizierte Risikofaktoren sind: aktiver Streit oder Auseinandersetzung mit der eigenen Glaubensgemeinschaft über die eigene Identität, verinnerlichte Abwertung der eigenen Homosexualität (also wenn man selbst beginnt, die eigene sexuelle Orientierung als etwas Schlechtes zu betrachten), sowie bestimmte Formen des Umgangs mit religiösem Stress, sogenanntes religiöses Coping, die den zugrunde liegenden Identitätskonflikt nicht tatsächlich lösen, sondern ihn nur vorübergehend überdecken oder verdrängen, ohne die eigentliche Ursache zu bearbeiten.
  • Auf der anderen Seite wurden auch wiederkehrende Schutzfaktoren identifiziert: ein Gefühl spiritueller Verbundenheit, das unabhängig von der formalen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche oder Institution bestehen kann, das Eingebundensein in eine soziale Gemeinschaft, die Unterstützung bietet, sowie, als wichtigster Einzelfaktor auf dieser Seite, schlicht das Fehlen des oben beschriebenen Identitätskonflikts oder dessen erfolgreiche, innere Auflösung.

Stärkster und beständigster Risikofaktor über alle untersuchten Studien hinweg: der innerlich erlebte Konflikt zwischen Glauben und queerer Identität, nicht Religiosität oder Kirchenzugehörigkeit als solche.

4. Unterschiede zwischen christlichen Richtungen

Die bisher besprochenen Quellen behandeln Religiosität meist als eine einzige, vergleichsweise grobe Grösse, etwa mit Fragen wie „Gehst du zur Kirche: ja oder nein?“ oder „Ist dir Religion wichtig: ja oder nein?“. Diese Herangehensweise übersieht jedoch, dass sich christliche Glaubensrichtungen erheblich voneinander unterscheiden können, sowohl in ihrer Theologie als auch in ihrem konkreten Umgang mit queeren Mitgliedern. Die folgende Studie ist die einzige in diesem Bericht zitierte Untersuchung, die zum ersten Mal systematisch und mit konkreten Zahlen zwischen verschiedenen christlichen Richtungen unterscheidet und deren jeweilige Wirkung auf die psychische Gesundheit queerer Jugendlicher direkt miteinander vergleicht.

Quelle 5: van Bergen, D., Smit, A. & Feddes, A.R. (2023)

Titel:  Stigma, Depression, Suicidal Thoughts and Coping of Sexual Minority Youth Raised in Conservative Versus Mainstream Denominations of Christianity

Journal:  Sexuality & Culture, 27(3), 972-994

DOI:  10.1007/s12119-022-10050-2

Stichprobe:  584 queere Jugendliche, 16-25 Jahre, Niederlande

Methode:  Kombination aus einem Fragebogen mit statistischer Auswertung (eine sogenannte Varianzanalyse oder ANOVA) und sechs ausführlichen, vertiefenden Interviews

Open Access:  Ja, vollständig frei zugänglich für jede interessierte Person

Link: Springer Nature

Diese Studie nimmt im gesamten Bericht eine besondere Stellung ein, weil sie die einzige europäische Untersuchung ist, die verschiedene christliche Richtungen direkt und mit konkreten, vergleichbaren Zahlen gegenüberstellt. Die in den Niederlanden untersuchten vier Gruppen, nämlich evangelikal-pfingstkirchlich, streng reformiert, mainline-protestantisch (also die grösseren, etablierten protestantischen Kirchen) und römisch-katholisch, ähneln in ihrer Grundstruktur den entsprechenden religiösen Gruppen im deutschsprachigen Raum, insbesondere in der Schweiz mit ihrer Vielfalt an Freikirchen und Landeskirchen. Das macht die Ergebnisse dieser Studie für den deutschsprachigen Kontext gut übertragbar, ohne dass dies eine vollständige Garantie für identische Verhältnisse wäre, da es natürlich auch kulturelle Unterschiede zwischen den Niederlanden und dem deutschsprachigen Raum gibt.

Ein besonderer methodischer Vorteil dieser Studie liegt in ihrer Kombination zweier Forschungsansätze: Der Fragebogen-Teil liefert Zahlen, die sich auf eine grössere Gruppe verallgemeinern lassen, während die sechs ausführlichen Interviews zeigen, wie die zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen im Detail tatsächlich funktionieren und welche persönlichen Erfahrungen hinter den abstrakten Zahlen stehen. Diese Kombination wird in der Wissenschaft als Mixed-Method-Ansatz bezeichnet und gilt vielen Forschenden als besonders aufschlussreich, weil er die Vorteile beider Methoden vereint.

Untersuchte Gruppen und Anzahl der Befragten:

  • Evangelikal / Pfingstkirchlich: 44 Personen
  • Niederländisch-orthodox-reformiert (eine besonders konservative reformierte Strömung): 88 Personen
  • Mainline-protestantisch: 117 Personen
  • Römisch-katholisch: 335 Personen

Ergebnisse der vier vorab gestellten, konkreten Forschungsfragen:

  • Frage 1, ob evangelikal/pfingstkirchlich erzogene Jugendliche mehr Ablehnung durch die eigene Familie erfahren: bestätigt. Diese Gruppe zeigte in der statistischen Auswertung deutlich höhere Werte für Familienablehnung als alle anderen drei untersuchten Gruppen.
  • Frage 2, ob diese Jugendlichen auch mehr Selbstabwertung zeigen, also sich selbst stärker negativ bewerten: nicht bestätigt. Es gab in den Daten keinen statistisch klaren Unterschied zwischen den vier Gruppen bei diesem Mass.
  • Frage 3, ob diese Jugendlichen mehr Symptome von Depression zeigen: ebenfalls nicht eindeutig nachweisbar in den erhobenen Daten.
  • Frage 4, ob diese Jugendlichen mehr Suizidgedanken berichten: bestätigt. Auch hier zeigte die evangelikal/pfingstkirchliche Gruppe deutlich höhere Werte als alle anderen drei Gruppen.

Evangelikal/pfingstkirchlich erzogene Jugendliche zeigen deutlich mehr Ablehnung durch die eigene Familie und deutlich mehr Suizidgedanken als mainline-protestantisch oder katholisch erzogene Jugendliche. Bei Selbstabwertung und Symptomen von Depression liess sich dagegen kein klarer Unterschied zwischen den Gruppen feststellen.

Was die vertiefenden Interviews zusätzlich zeigen: Wie betroffene Jugendliche mit der Situation umgehen

Ein besonders aufschlussreicher Teil der Studie, der ohne die qualitativen Interviews gar nicht möglich gewesen wäre, beschäftigt sich mit einer naheliegenden Frage: Warum zeigte sich trotz deutlich mehr Suizidgedanken kein Unterschied bei der Selbstabwertung zwischen den Gruppen? Die Interviews liefern eine plausible Erklärung: Die befragten Jugendlichen aus evangelikal/pfingstkirchlichen Familien hatten im Laufe der Zeit aktive, selbst entwickelte Wege gefunden, um mit der schwierigen Situation umzugehen, ohne sich dabei selbst völlig aufzugeben. Drei solche Strategien liessen sich aus den Interviews herausarbeiten:

  • Eigene Auslegung des Glaubens: Viele der befragten Jugendlichen lasen religiöse Texte, insbesondere die Bibel, auf eine eigene, selbst entwickelte Weise und kamen so zu einem Gottesbild, das ihre queere Identität nicht grundsätzlich ausschloss. Dies geschah oft bewusst und in deutlicher Abweichung von der offiziellen Lehre ihrer Herkunftsgemeinde, was beträchtlichen inneren Mut und eigenständiges Denken erforderte.
  • Kritische Distanz zur Institution: Viele Jugendliche entwickelten die Fähigkeit, klar zwischen ihrem eigenen, persönlichen Glauben, den sie beibehielten und der ihnen weiterhin wichtig war, und der offiziellen Lehre und Praxis ihrer Gemeinde, von der sie sich zunehmend kritisch abgrenzten, zu unterscheiden. Sie gaben also nicht ihren Glauben insgesamt auf, sondern lösten sich gezielt von jenen Teilen der institutionellen Lehre, die sie als schädlich oder falsch empfanden.
  • Unterstützung durch passgenaue Gemeinschaften: Für viele der befragten Jugendlichen erwies sich der Zugang zu speziell christlich-queeren Selbsthilfegruppen sowie zu entsprechenden Online-Communities als eine entscheidend wichtige Stütze im Alltag. In solchen Gemeinschaften fanden sie eine Form von Zugehörigkeit, bei der sie weder ihren Glauben noch ihre queere Identität verleugnen oder aufgeben mussten, was in ihrer Herkunftsgemeinde oft nicht möglich gewesen wäre.

Einordnung: Die Studie zeigt insgesamt, dass aktives, eigenständiges Verarbeiten der schwierigen Situation einer Person tatsächlich helfen kann, sich selbst trotz widriger Umstände nicht grundsätzlich abzuwerten. Diese innere Stärke und Resilienz schützt jedoch nachweislich nicht vollständig vor erhöhten Suizidgedanken. Sie hilft also in gewissem Mass, aber nicht umfassend und nicht ausreichend, um das erhöhte Risiko ganz auszugleichen. Wichtig festzuhalten ist auch: Diese bemerkenswerte innere Stärke entsteht trotz der schwierigen, oft ablehnenden Umgebung, nicht etwa wegen ihr oder durch sie. Man sollte diese Resilienz also nicht als Argument dafür missverstehen, dass die schwierige Umgebung selbst irgendwie unproblematisch oder sogar förderlich wäre.

5. Die Rolle von Familie und Eltern

Neben der Kirche oder Glaubensgemeinde im engeren Sinn ist die eigene Familie der zweite und möglicherweise noch wichtigere Ort, an dem sich religiös begründete Reaktionen auf eine queere Identität konkret zeigen und auswirken. Schliesslich verbringen die meisten Jugendlichen einen grossen Teil ihrer Zeit und ihrer wichtigsten zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der eigenen Familie, weit mehr als in einer Kirche oder Gemeinde. Die folgende, besonders detailreiche Studie befasst sich gezielt mit diesem familiären Kontext.

Quelle 6: The Trevor Project (2020)

Titel:  Religiosity and Suicidality among LGBTQ Youth

Herausgeber:  The Trevor Project

Stichprobe:  25.896 queere Jugendliche, 13-24 Jahre, USA (finale ausgewertete Stichprobe aus ursprünglich 34.808 Teilnehmenden der zugrunde liegenden 2019 National Survey)

Methode:  Online-Befragung, durchgeführt von Februar bis September 2018, Teilnehmende über gezielte Social-Media-Werbung gewonnen; statistische Auswertung mittels logistischer Regression; zusätzlich ergänzt durch Ergebnisse einer früheren Studie von Gibbs & Goldbach (2015)

DOI:  10.70226/MNPF6165

Link: The Trevor Project

Diese Studie zeichnet sich durch eine methodisch besonders sorgfältige und für das Verständnis entscheidende Unterscheidung aus, die im Alltag, in Diskussionen oder auch in oberflächlicher Berichterstattung oft vermischt oder gar nicht beachtet wird: nämlich die Unterscheidung zwischen erstens der Frage, wie wichtig Religion dem oder der Jugendlichen selbst persönlich ist, und zweitens der ganz anderen Frage, ob die eigenen Eltern Religion aktiv nutzen, um sich negativ über LGBTQ-Sein im Allgemeinen oder über das eigene Kind im Besonderen zu äussern. Diese sorgfältige begriffliche Trennung erlaubt es, deutlich genauere und differenziertere Aussagen darüber zu treffen, was tatsächlich schädlich wirkt und was nicht, statt Religiosität pauschal in einen Topf zu werfen.

Es ist wichtig zu wissen, dass frühere Forschung zur allgemeinen, überwiegend heterosexuellen Bevölkerung, etwa eine vielzitierte Untersuchung von Lawrence, Oquendo und Stanley aus dem Jahr 2016, gezeigt hat, dass Religiosität in dieser Allgemeinbevölkerung meist eine schützende Wirkung entfaltet. Als Erklärung für diesen schützenden Effekt werden in der Forschung üblicherweise mehrere Mechanismen genannt: Religion vermittelt häufig soziale Unterstützung durch eine Gemeinschaft, sie vermittelt oft religiöse Überzeugungen, die Suizid moralisch ablehnen, und sie kann Hoffnung und einen übergeordneten Sinn im Leben stiften, selbst in schwierigen Lebensphasen. Die vorliegende Studie wollte gezielt prüfen, ob sich dieser für die Allgemeinbevölkerung gut dokumentierte schützende Effekt auch bei queeren Jugendlichen in vergleichbarer Form nachweisen lässt.

Befund 1: Religiosität schützt queere Jugendliche nicht in der gleichen Weise wie die Allgemeinbevölkerung

  • Weder die persönliche, subjektiv erlebte Bedeutung von Religion für den oder die Jugendliche/n selbst noch die blosse Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs zeigten in dieser Untersuchung einen statistisch klar nachweisbaren schützenden Effekt auf die Suizidversuchsrate.
  • Dieser sogenannte Nullbefund, also das Fehlen eines erwarteten Effekts, unterscheidet sich deutlich von dem, was die Forschung zur Allgemeinbevölkerung gezeigt hatte, und bestätigt damit indirekt, aber überzeugend den Grundgedanken des am Anfang dieses Berichts vorgestellten Minority-Stress-Modells: Der schützende Mechanismus, den Religiosität für die heterosexuelle Mehrheitsbevölkerung bietet, lässt sich für queere Jugendliche offenbar nicht in derselben Weise und Stärke nachweisen, vermutlich weil dieser Mechanismus durch die gleichzeitig erlebte Ablehnung oder Unsicherheit innerhalb religiöser Kontexte teilweise oder vollständig aufgehoben wird.

Befund 2: Religiös begründete Ablehnung durch die eigenen Eltern als klarer, eigenständiger Risikofaktor

  • Jugendliche, deren Eltern Religion aktiv nutzten, um sich negativ über LGBTQ-Sein zu äussern, hatten ein etwa doppelt so hohes statistisches Risiko, im vergangenen Jahr einen Suizidversuch zu unternehmen, verglichen mit Jugendlichen ohne diese spezifische Erfahrung. Dieser Zusammenhang ist statistisch ausserordentlich eindeutig nachweisbar, was sich im wissenschaftlichen Massstab p kleiner als 0,001 ausdrückt. Das bedeutet vereinfacht gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser klare Unterschied lediglich auf Zufall beruht, ist verschwindend gering.
  • Die Bereitschaft, die eigene sexuelle Orientierung gegenüber den eigenen Eltern offen mitzuteilen, das sogenannte Coming-out gegenüber Eltern, lag bei 72 % bei jenen Jugendlichen, die keine religiös begründete elterliche Ablehnung erlebt hatten, gegenüber lediglich 61 % bei jenen Jugendlichen, die diese Ablehnung erlebt hatten. Das entspricht einem Unterschied von immerhin 11 Prozentpunkten zwischen den beiden Gruppen.
  • Bei trans* und nicht-binären Jugendlichen zeigte sich ein vergleichbares Muster bei der Offenheit über die eigene Geschlechtsidentität: 57 % ohne diese belastende Erfahrung gegenüber 45 % mit dieser Erfahrung, also ein Unterschied von 12 Prozentpunkten.
  • Diese konkreten Zahlen zur Offenheit gegenüber den eigenen Eltern sind aus einem wichtigen Grund besonders bedeutsam: Geringere Offenheit gegenüber den eigenen Eltern ist in der breiteren Forschung regelmässig und wiederholt mit weniger erlebter sozialer Unterstützung verbunden, und weniger soziale Unterstützung ist wiederum, wie bereits im theoretischen Abschnitt zum Minority-Stress-Modell beschrieben, mit höherem psychischem Risiko insgesamt assoziiert. Es handelt sich also um eine Kette von zusammenhängenden, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren.

Religiös begründete Ablehnung durch die eigenen Eltern verdoppelt statistisch das Suizidversuchsrisiko. Sie geht zudem mit deutlich geringerer Offenheit der betroffenen Jugendlichen gegenüber ihren eigenen Eltern einher.

Befund 3: Auch das aktive Verlassen einer ablehnenden Glaubensgemeinde ist ein eigener, zusätzlicher Risikofaktor

Über die eigenen, neu erhobenen Daten hinaus zitiert die Studie zusätzlich frühere, ergänzende Ergebnisse von Gibbs und Goldbach aus dem Jahr 2015, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Archives of Suicide Research. Diese ergänzenden Daten beleuchten einen weiteren, in öffentlichen Diskussionen oft übersehenen oder zu wenig beachteten Aspekt religiös bedingter psychischer Belastung:

  • LGB-Erwachsene (also lesbische, schwule und bisexuelle Erwachsene), die ihre Glaubensgemeinschaft aufgrund eines erlebten Konflikts zwischen ihrem Glauben und ihrer sexuellen Identität aktiv und bewusst verlassen hatten, zeigten ein mehr als doppelt so hohes Risiko für einen Suizidversuch im vergangenen Jahr, verglichen mit LGB-Personen, bei denen ein solcher innerer Konflikt von vornherein nicht bestanden hatte.

Wer eine ablehnende Glaubensgemeinschaft aktiv verlässt, erreicht damit nicht automatisch dasselbe, niedrigere Risikoniveau wie jemand, der nie einen solchen Identitätskonflikt erlebt hat. Der Bruch mit der eigenen Glaubensgemeinschaft scheint selbst eine eigenständige, zusätzliche psychische Belastung darzustellen, die über das ursprüngliche Problem hinausgeht.

6. Affirmation als Schutzfaktor

Die bisherigen Abschnitte dieses Berichts haben sich vor allem mit Risikofaktoren beschäftigt, also mit den Dingen, die das Suizidrisiko queerer Menschen erhöhen können. Dieser Abschnitt wendet sich bewusst der anderen, hoffnungsvolleren Seite zu: der wissenschaftlich gut belegten schützenden Wirkung von Glaubenserfahrungen, die queere Identität ausdrücklich annehmen, anstatt sie abzulehnen oder zu verschweigen.

Quelle 7: Hamblin, R.J. & Gross, A.M. (2014)

Titel:  Religious Faith, Homosexuality, and Psychological Well-Being: A Theoretical and Empirical Review

Journal:  Journal of Gay and Lesbian Mental Health, 18(1), 67-82

DOI:  10.1080/19359705.2013.804898

Art:  Überblick über vorhandene Theorien und empirische Forschungsergebnisse zum Thema

Link: Taylor & Francis

Dieser Forschungsüberblick verfolgt einen integrierenden Ansatz: Er führt verschiedene theoretische Erklärungsmodelle dafür, wie religiöser Glaube und psychisches Wohlbefinden bei schwulen und lesbischen Menschen zusammenhängen könnten, mit den zum damaligen Zeitpunkt bereits vorhandenen empirischen Studienergebnissen zusammen. Er liefert damit selbst weniger völlig neue, eigene Daten als vielmehr eine ordnende, systematisierende Gesamtschau über den bisherigen Forschungsstand. Diese Gesamtschau gilt in ihren grundlegenden Aussagen bis heute als zutreffend und wurde seit ihrer Veröffentlichung in zahlreichen nachfolgenden Einzelstudien wiederholt bestätigt, was ihre Verlässlichkeit zusätzlich erhöht.

Befunde:

  • Glaubenserfahrungen, die die eigene sexuelle Identität einer Person ausdrücklich annehmen oder sogar als von Gott getragen und gewollt erleben lassen, sogenannte sexuality-affirmierende Glaubenserfahrungen, sind verbunden mit mehreren positiven psychischen Merkmalen gleichzeitig: einem höheren Selbstwertgefühl, einem besseren allgemeinen psychischen Wohlbefinden, mehr erlebter und tatsächlich verfügbarer sozialer Unterstützung sowie weniger verinnerlichter Abwertung der eigenen Homosexualität und insgesamt weniger inneren Konflikten bezüglich der eigenen Identität.
  • Glaubenserfahrungen, die die eigene sexuelle Identität hingegen ablehnen oder als problematisch darstellen, zeigen in den ausgewerteten Studien durchgehend ein genau gegenteiliges Muster: niedrigeres Selbstwertgefühl, höhere Angstwerte und insgesamt stärker ausgeprägte innere Identitätskonflikte.
  • Der Forschungsüberblick weist zusätzlich auf einen wichtigen historischen und gesellschaftlichen Hintergrund hin, der diesen Ergebnissen zugrunde liegt und sie besser einordnen hilft: Schwule und lesbische Menschen wurden, trotz der Tatsache, dass die meisten von ihnen selbst in religiösen Familien aufgewachsen sind, historisch aus zahlreichen jüdisch-christlichen Glaubensgemeinschaften ausgeschlossen oder zumindest deutlich ins gesellschaftliche Abseits gestellt, weil Homosexualität in diesen Gemeinschaften traditionell als moralisch verwerflich betrachtet wurde und in vielen Fällen bis heute betrachtet wird. Dieser geschichtliche und gesellschaftliche Hintergrund erklärt gut, warum eine wirklich annehmende Glaubenserfahrung für viele Betroffene historisch keine Selbstverständlichkeit war oder ist, sondern oft eine bewusst und mühsam gesuchte, seltene Ausnahme von der gesellschaftlichen Norm darstellt.

Glaubenserfahrungen, die die eigene queere Identität ausdrücklich annehmen, sind durchgehend mit deutlich besseren Werten für die psychische Gesundheit verbunden als ablehnende Glaubenserfahrungen. Dieser positive Unterschied zeigt sich konsistent gleichzeitig bei Selbstwertgefühl, allgemeinem Wohlbefinden, sozialer Unterstützung und dem Ausmass an Selbstabwertung.

Wenn man diesen Befund zusammen mit der bereits weiter oben besprochenen Quelle 2 betrachtet, also dem Befund des Trevor Project aus dem Jahr 2025, dass die Suizidversuchsrate in akzeptierenden Umgebungen unter einem Drittel der Rate in nicht-akzeptierenden Umgebungen liegt, ergibt sich über mehrere völlig unterschiedliche Studien, Stichproben, Länder und Erhebungszeiträume hinweg ein bemerkenswert einheitliches und konsistentes Gesamtbild zur tatsächlichen schützenden Wirkung von Annahme und echter Zugehörigkeit. Diese Übereinstimmung verschiedener, voneinander unabhängiger Forschungsarbeiten macht diesen Gesamtbefund besonders verlässlich und glaubwürdig.

7. Konversionsmassnahmen

Konversionsmassnahmen, im englischsprachigen Raum häufig unter dem Begriff „conversion therapy“ bekannt, umfassen ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Methoden und Praktiken, die alle das ausdrückliche und erklärte Ziel verfolgen, die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität einer Person grundlegend zu verändern. Internationale Fachgesellschaften aus den Bereichen Medizin und Psychologie, darunter so bedeutsame Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation und die American Psychological Association, lehnen solche Massnahmen heute einheitlich und ohne Ausnahme ab. Der zentrale Grund für diese klare fachliche Ablehnung liegt in zwei gut belegten Tatsachen: Erstens funktionieren diese Massnahmen nicht wie von ihren Befürwortern behauptet, das heisst, sie verändern die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität einer Person tatsächlich nicht. Zweitens schädigen sie die betroffenen Menschen nachweislich, oft schwer und dauerhaft. Dieser Abschnitt des Berichts dokumentiert die konkreten wissenschaftlichen Daten, die diese fachliche Position stützen.

Quelle 8: The Trevor Project (2023)

Titel:  Facts About Suicide Among LGBTQ+ Young People

Herausgeber:  The Trevor Project

Link: The Trevor Project

Diese Quelle fasst wichtige Kernzahlen aus mehreren unterschiedlichen Befragungswellen und Forschungsprojekten der Organisation kompakt zusammen und wird häufig als praktische, schnell zugängliche Referenz für Faktenchecks und für die Erstellung von Aufklärungsmaterial genutzt. Die enthaltenen Zahlen speziell zu Konversionsmassnahmen beruhen, wie bei den meisten Befragungen zu diesem sensiblen Thema üblich, auf den eigenen, selbst berichteten Angaben der befragten Jugendlichen.

Befunde:

  • Queere Jugendliche, die eigene Erfahrungen mit Konversionsmassnahmen berichteten, haben etwa doppelt so häufig einen tatsächlichen Suizidversuch unternommen wie queere Jugendliche, die keine solche Erfahrung gemacht hatten.
  • Konkret berichteten 27 % der queeren Jugendlichen mit Konversionserfahrung einen Suizidversuch im vergangenen Jahr, gegenüber lediglich 9 % bei queeren Jugendlichen ohne diese spezifische Erfahrung. An dieser Stelle ist ein wichtiger Punkt zu betonen, der leicht übersehen werden kann: Dieser Vergleich findet ausschliesslich innerhalb der Gruppe queerer Jugendlicher statt. Es handelt sich also nicht um einen Vergleich mit der heterosexuellen oder cis-geschlechtlichen Allgemeinbevölkerung, sondern um einen Vergleich zwischen zwei Untergruppen innerhalb der queeren Jugendlichen selbst, je nachdem, ob sie Konversionsmassnahmen erlebt hatten oder nicht.

27 % gegenüber lediglich 9 % Suizidversuchsrate im vergangenen Jahr, je nachdem ob eine Konversionserfahrung vorlag oder nicht. Verglichen wird dabei ausschliesslich innerhalb der Gruppe queerer Jugendlicher.

Quelle 9: Williams Institute, UCLA (2020)

Titel:  Conversion Therapy and LGBT Suicidality

Herausgeber:  Williams Institute, University of California Los Angeles (ein auf Recht und Politik im LGBTQ-Bereich spezialisiertes akademisches Forschungsinstitut)

Art:  Auswertung repräsentativer Daten aus einer US-amerikanischen Stichprobe

Link: Williams Institute

Das Williams Institute gilt in den Vereinigten Staaten als eine der angesehensten und einflussreichsten akademischen Forschungseinrichtungen im Bereich Recht und Politik im Zusammenhang mit LGBTQ-Themen. Seine wissenschaftlichen Studien werden regelmässig in tatsächlichen Gerichtsverfahren sowie bei der Erarbeitung neuer Gesetze als fachliche Gutachten herangezogen und zitiert. Diese praktische Verwendung in rechtlichen und politischen Zusammenhängen bedeutet auch, dass die verwendeten Methoden dieser Studien typischerweise einer besonders genauen externen Prüfung unterzogen werden, da sie im Streitfall vor Gericht bestehen müssen.

Befunde:

  • 81 % aller in der untersuchten Stichprobe berichteten Konversionsmassnahmen wurden, den Angaben der Befragten zufolge, von religiösen Führungspersonen durchgeführt, also etwa von Pfarrpersonen, Geistlichen oder anderen religiösen Autoritätspersonen, und ausdrücklich nicht von ausgebildetem klinischem Fachpersonal wie Psychotherapeutinnen, Psychotherapeuten oder Ärztinnen und Ärzten.
  • Konversionsmassnahmen, die von religiösen Anbietern durchgeführt wurden, zeigen in der statistischen Auswertung einen deutlich stärkeren Zusammenhang mit späteren Depressionen und Suizidalität als vergleichbare Massnahmen, die von nicht-religiösen, also säkularen Anbietern durchgeführt wurden.

Konversionsmassnahmen werden überwiegend, nämlich zu 81 %, von religiösen Personen durchgeführt. Der dabei entstehende gesundheitliche Schaden ist bei religiösen Anbietern grösser als bei nicht-religiösen Anbietern.

Quelle 10: Swiss LGBTIQ Panel (2022)

Titel:  Konversionsmassnahmen: Was uns die Wissenschaft sagt

Herausgeber:  Swiss LGBTIQ Panel

Art:  Wissenschaftliches Factsheet, erstellt für die Schweizer Öffentlichkeit und für politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger

Link: Swiss LQBTIQ Panel

Dieses Factsheet nimmt im gesamten Bericht eine wichtige Sonderstellung ein, da es die einzige zitierte Quelle ist, die sich ausschliesslich und gezielt auf die konkrete rechtliche und politische Lage in der Schweiz bezieht. Dies schliesst eine bedeutsame Lücke in der Quellenlage, denn alle übrigen in diesem Bericht zitierten Quellen stammen, wie bereits mehrfach erwähnt, überwiegend aus den Vereinigten Staaten.

Befunde:

  • Deutschland hat Konversionsmassnahmen im Jahr 2020 durch ein eigenes, spezifisches Bundesgesetz vollständig verboten. Dieses Gesetz gilt uneingeschränkt für Minderjährige und mit gewissen, im Gesetz genau definierten Einschränkungen auch für erwachsene Personen.
  • Österreich hat im Anschluss an die deutsche Gesetzgebung eine inhaltlich vergleichbare gesetzliche Regelung beschlossen und in Kraft gesetzt.
  • In der Schweiz existiert zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Factsheets kein vergleichbares, umfassendes Bundesgesetz, das Konversionsmassnahmen generell und einheitlich für das gesamte Land verbieten würde. Es gibt zwar einzelne politische Vorstösse und Initiativen auf kantonaler Ebene, jedoch keine national einheitliche, für die gesamte Schweiz geltende gesetzliche Regelung zu diesem Thema.

Diese Quelle dokumentiert eine bestehende und klar belegbare rechtliche Lücke in der Schweiz im direkten Vergleich zu den beiden Nachbarländern Deutschland und Österreich, die beide bereits gesetzlich gehandelt haben.

8. Zusammenfassung der belegten Kernaussagen

Die folgenden Aussagen lassen sich allesamt direkt durch die in diesem Bericht ausführlich besprochenen Quellen wissenschaftlich belegen. Sie werden hier zur besseren Übersicht noch einmal kompakt und nach inhaltlichen Themenbereichen geordnet zusammengefasst. Die Nummer in Klammern hinter jeder Aussage verweist jeweils auf die entsprechende Quelle, wie sie in den vorangehenden Abschnitten eingeführt und ausführlich besprochen wurde.

Ausgangslage

  • Queere Menschen: etwa 6-fach erhöhtes Suizidrisiko; trans* Personen: bis zu 10-fach erhöht, jeweils verglichen mit der cis-heterosexuellen Bevölkerung. (Q1)
  • 39 % der queeren Jugendlichen hatten im vergangenen Jahr ernsthafte Suizidgedanken, 14 % unternahmen einen tatsächlichen Suizidversuch. (Q2)
  • In stark akzeptierenden sozialen Umgebungen liegt die Suizidversuchsrate unter einem Drittel der Rate in wenig akzeptierenden Umgebungen. (Q2)

Religion und Suizidalität

  • Gottesdienstbesuch ist bei heterosexuellen Menschen mit weniger, bei homo- und bisexuellen Menschen hingegen mit mehr Suizidrisiko verbunden. (Q3)
  • 65 % der untersuchten Studien identifizieren religiöse Faktoren als Risikofaktor; der mit Abstand stärkste einzelne Faktor dabei ist der innere Konflikt zwischen Glauben und queerer Identität. (Q4)
  • Evangelikal/pfingstkirchlich erzogene Jugendliche haben deutlich mehr Suizidgedanken und mehr Ablehnung durch die eigene Familie als mainline-protestantisch oder katholisch erzogene Jugendliche. (Q5)

Familie

  • Religiös begründete Ablehnung durch die eigenen Eltern verdoppelt statistisch das Suizidversuchsrisiko des betroffenen Kindes. (Q6)
  • Offenheit gegenüber den eigenen Eltern: 72 % ohne religiös begründete Ablehnung, gegenüber nur 61 % mit dieser Ablehnung; bei trans* Jugendlichen entsprechend 57 % zu 45 %. (Q6)
  • Das Verlassen der eigenen Glaubensgemeinschaft aufgrund eines Identitätskonflikts ist mit einem mehr als doppelt so hohen Suizidversuchsrisiko verbunden. (Q6)

Affirmation

  • Glaubenserfahrungen, die die eigene queere Identität ausdrücklich annehmen, sind mit höherem Selbstwertgefühl, mehr allgemeinem Wohlbefinden und weniger Selbstabwertung verbunden. (Q7)

Konversionsmassnahmen

  • 27 % gegenüber nur 9 % Suizidversuchsrate im vergangenen Jahr, je nachdem ob eine Konversionserfahrung vorlag oder nicht. (Q8)
  • 81 % aller berichteten Konversionsmassnahmen werden von religiösen Personen durchgeführt, nicht von Fachpersonal. (Q9)
  • In der Schweiz fehlt bislang ein umfassendes, landesweit gültiges gesetzliches Verbot von Konversionsmassnahmen. (Q10)

Eine abschliessende Anmerkung zur Vollständigkeit dieser Übersicht: Sämtliche zehn in diesem Bericht besprochenen Quellen sind mit mindestens einer konkreten Kernaussage im ursprünglichen Instagram-Post vertreten. Dies verdeutlicht anschaulich, wie viel umfangreiche wissenschaftliche Recherche letztlich in den im Vergleich dazu deutlich kürzeren und kompakteren Social-Media-Post eingeflossen ist, auch wenn dort aus naheliegenden Gründen nicht jedes methodische Detail erwähnt werden konnte.