Warum so viele Freikirchen queere Menschen ablehnen und weshalb es dabei um viel mehr geht als um ein paar Bibelverse
Die Akte, Teil 1. Text von Lea Blattner, Oktober 2026
«Steht halt so in der Bibel.» Diesen Satz kennen viele queere Menschen aus Freikirchen. Die Ablehnung, die sie erleben, lässt sich aber nicht auf sechs Bibelverse zurückführen. Sie ist mindestens 1600 Jahre alt, wurde über Generationen weitergegeben, immer wieder neu begründet und ist heute für viele Gemeinden ein Teil ihrer Identität. Dass sie sich so hartnäckig hält, hat auch damit zu tun, dass ein Coming-out in diesen Gemeinden oft bedeutet, sehr viel zu verlieren.
In diesem Text gehe ich der Frage nach, woher diese Haltung kommt, wie sie sich im Alltag zeigt und was sie mit Menschen macht. Ich schreibe für Menschen, die selbst in einer Freikirche gross geworden sind, und für alle, die mit Kirche wenig zu tun haben und verstehen möchten, was dort passiert. Die einzelnen Bibelstellen schaue ich mir in den nächsten Teilen genauer an.
Ein paar Begriffe vorweg
«Queer» verwende ich als Sammelbegriff für Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren Geschlecht nicht dem entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, also zum Beispiel lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter und nicht-binäre Menschen. Mit «Konversionsmassnahmen» sind Versuche gemeint, die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität eines Menschen zu verändern. In frommen Kreisen ist dafür oft von «Heilung» oder «Veränderung» die Rede.
Drei Geschichten aus der Schweiz
Im März 2025 hat SRF mit queeren Menschen gesprochen, die in Schweizer Freikirchen leben oder gelebt haben [1]. Ihre Geschichten zeigen, wie unterschiedlich Ablehnung aussehen kann.
Marcel ist 53 und in einer Chrischona-Gemeinschaft aufgewachsen. Nach seinem Coming-out zitierten Gemeindemitglieder Bibelstellen und nannten seine Sexualität Sünde. «Sie meinten, sie könnten mich umpolen», erzählt er. «Das stürzte mich in eine grosse Depression.»
Rita ist eine trans Frau aus Winterthur und mit einer Frau verheiratet. In ihrer Freikirche durfte sie nur als Mann in den Gottesdienst kommen. Willkommen war sie also nur unter der Bedingung, nicht die zu sein, die sie ist.
Conny war 24 Jahre lang in freikirchlichen Bewegungen zu Hause. Mit 42 verliebte sie sich zum ersten Mal in eine Frau. Die Gemeindeleitung reagierte zuerst offen, legte ihr dann aber nahe, die gleichgeschlechtliche Beziehung «ohne Sex» zu führen. Conny verliess die Gemeinde und besucht heute die Mosaik-Kirche, ein queerfreundliches Angebot der reformierten Kirche.
Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Schon 2012 berichtete der Beobachter von einem Mann, dem nach seinem Coming-out noch in derselben Vorstandssitzung die Jugendarbeit verboten wurde, von einem anderen, dem man sagte, er solle nicht mehr in die Kirche kommen, und von einer Frau, die vor die Wahl gestellt wurde, ihre Freundin aufzugeben oder die Kirche [2]. Hinter diesen Erfahrungen steht eine Logik mit einer langen Vorgeschichte.
Was «evangelikal» bedeutet
«Evangelikal» ist nicht dasselbe wie «evangelisch». Mit «evangelisch» sind in der Schweiz meist die reformierten Landeskirchen gemeint. «Evangelikal» bezeichnet dagegen eine Strömung, die quer durch verschiedene Kirchen geht. Man findet sie vor allem in Freikirchen, aber auch in Teilen der Landeskirchen.
Der britische Historiker David Bebbington hat vier Merkmale beschrieben, die bis heute oft zur Beschreibung verwendet werden, auch vom amerikanischen Dachverband der Evangelikalen [3]. Evangelikale betonen die persönliche Bekehrung, also eine bewusste Entscheidung für den Glauben. Die Bibel gilt ihnen als höchste Autorität. Der Glaube soll sich im Engagement zeigen, etwa in Mission und sozialem Einsatz. Und im Zentrum steht der Tod Jesu am Kreuz als Grund für die Erlösung.
In der Schweiz gibt es laut der Plattform kirchen.ch rund 1400 freikirchliche Gemeinden, und 3,4 Prozent der Bevölkerung besuchen regelmässig einen freikirchlichen Gottesdienst. Der grösste Dachverband, Freikirchen.ch, vereint nach Angaben von SRF zwanzig Verbände mit rund 750 Gemeinden [1].
Nicht alle Christ:innen lehnen queere Menschen ab, und auch nicht alle Evangelikalen. In diesem Text geht es um eine verbreitete Haltung und ihre Gründe, nicht um ein Urteil über alle Menschen in diesen Gemeinden. Viele Gläubige ringen selbst mit diesen Fragen, und manche Gemeinden haben ihre Haltung bereits geändert.
Mehr als sechs Bibelstellen
Wer nachfragt, warum queere Liebe falsch sein soll, bekommt meistens sechs Bibelstellen genannt: 1. Mose 19, 3. Mose 18,22 und 20,13, Römer 1,26 f., 1. Korinther 6,9 f. und 1. Timotheus 1,10. Gemessen an der ganzen Bibel sind das sehr wenige Verse. Trotzdem haben sie ein enormes Gewicht bekommen.
Das liegt daran, dass sie nicht allein stehen. Darunter liegen mehrere Überzeugungen, die sich gegenseitig stützen: ein bestimmtes Verständnis der Bibel, eine Vorstellung von der «Schöpfungsordnung», eine strenge Sexualmoral, die Formel von der Sünde und dem Sünder, das Versprechen auf Heilung und ein politischer Kampf um Werte. Zusammengehalten wird das alles von einem starken Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Bevor ich diese Schichten beschreibe, lohnt sich ein Blick in die Geschichte, denn die meisten dieser Überzeugungen sind viel älter als die heutigen Freikirchen.
Eine Haltung, die älter ist als jede Freikirche
Die Wurzeln reichen mindestens 1600 Jahre zurück. Evangelikale Gemeinden haben diese Haltung nicht erfunden, sondern übernommen und später neu begründet.
Um 400: Augustinus
Der Kirchenvater Augustinus hat das christliche Denken über Sexualität geprägt wie kaum ein anderer. In seiner Schrift über das Gut der Ehe, entstanden um 401, hält er fest, dass Geschlechtsverkehr zur Zeugung von Kindern ohne Schuld sei und in die Ehe gehöre [4]. Sexualität ist damit an einen Zweck gebunden. In seinen «Bekenntnissen» schreibt er, Taten «wider die Natur», wie die der Männer von Sodom, seien «überall und immer» zu verabscheuen und zu bestrafen [5].
Um 1270: Thomas von Aquin
Thomas von Aquin, einer der einflussreichsten Theologen des Mittelalters, baute diesen Gedanken aus. Für ihn ist jede sexuelle Handlung, aus der kein Kind entstehen kann, «wider die Natur». Ausdrücklich nennt er den Verkehr «Mann mit Mann oder Frau mit Frau» [6] und kommt zum Schluss, diese Sünde sei unter den sexuellen Sünden die schwerste [7]. Diese Rangordnung hat das kirchliche Denken über Jahrhunderte bestimmt.
1482: Hinrichtung in Zürich
Wie tödlich diese Lehre werden konnte, zeigt ein Fall aus Zürich. Am 24. September 1482 wurden Richard Puller von Hohenburg und sein Diener Anton Mätzler auf dem Zürcher Marktplatz verbrannt. Angeklagt waren sie wegen Ketzerei. Unter Folter gestand Puller Beziehungen zu Mätzler und weiteren Männern. Als er sein Geständnis wiederholen sollte, weigerte er sich. Er sagte, der Vorwurf solle nur verdecken, dass es die Verantwortlichen auf sein Land und sein Vermögen abgesehen hätten [8].
Die Reformation
Mit der Reformation fiel für Pfarrer das Zölibat. Zwingli heiratete 1524, Luther 1525. Damit änderte sich auch das Bild vom guten Leben. Nicht mehr das ehelose Leben im Kloster galt als Ideal, sondern die Ehe von Mann und Frau. Sie wurde zur gottgewollten Lebensform für alle. Für Menschen, die nicht in dieses Bild passten, blieb kaum Platz.
1532: Die Carolina
1532 erliess Kaiser Karl V. die Peinliche Halsgerichtsordnung, die sogenannte Carolina. In Artikel 116 bestimmte sie, wenn «mann mit mann, weib mit weib» Unzucht trieben, solle man sie «mit dem fewer vom leben zum todt richten», also verbrennen [9]. In der Eidgenossenschaft galt die Carolina nur ergänzend zum örtlichen Recht. Angewendet wurde sie etwa in Basel, in Schaffhausen, im Gebiet der Fürstabtei St. Gallen, im Wallis und in den Drei Bünden. In anderen Orten blieb ihr Einfluss gering [10].
1840: Erweckungsbewegung und Chrischona
Viele Freikirchen haben ihre Wurzeln in der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Fromme Kreise suchten damals einen persönlicheren, lebendigeren Glauben. 1840 gründete Christian Friedrich Spittler in Bettingen bei Basel die Pilgermission St. Chrischona, die bis heute besteht [11]. Aus ihr gingen die Chrischona-Gemeinden hervor. In einer solchen Gemeinde ist auch Marcel aufgewachsen [1].
1868 und 1869: Aus Sünde wird Krankheit
1868 prägte der Schriftsteller Karl Maria Kertbeny das Wort «homosexuell». 1869 beschrieb der Berliner Psychiater Karl Westphal die «conträre Sexualempfindung» als neue psychiatrische Diagnose, die er meist für angeboren hielt. Er plädierte dafür, solche Menschen medizinisch zu behandeln statt zu bestrafen [12]. Das war damals ein Fortschritt gegenüber dem Scheiterhaufen. Es hatte aber eine Kehrseite: Zur Sünde kam nun die Krankheit. Aus dieser Verbindung entstand später die Vorstellung, man könne queere Menschen «heilen».
Wie daraus ein Kernthema wurde
Im 20. Jahrhundert wurde die Ablehnung zu etwas, woran sich evangelikale Kreise gegenseitig erkennen. Diese Entwicklung lässt sich an einigen Wegmarken nachzeichnen.
1910 bis 1920: Fundamentalismus
Zwischen 1910 und 1915 erschien in den USA die zwölfbändige Schriftenreihe «The Fundamentals», die an Pfarrer und Missionare in aller Welt verschickt wurde. Die Aufsätze wandten sich gegen jede Form von Modernismus, etwa gegen die historisch-kritische Bibelwissenschaft, die liberale Theologie und den Darwinismus [13]. 1920 nannte der Baptist Curtis Lee Laws in einem Leitartikel seiner Zeitung sich selbst und seine Mitstreiter «Fundamentalisten» und verstand das als Ehrentitel. Das Wort setzte sich durch [13] [14]. Die Haltung, die Bibel Wort für Wort gegen die moderne Welt zu verteidigen, prägt evangelikale Kreise bis heute.
1942: Entkriminalisierung in der Schweiz
Mit dem neuen Strafgesetzbuch, das am 1. Januar 1942 in Kraft trat, wurden homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in der ganzen Schweiz legal. In einigen Westschweizer Kantonen und in Basel-Stadt waren sie es schon vorher [15]. Für viele Gemeinden blieben sie trotzdem Sünde. Das Gesetz und die Moral der Gemeinden gingen von da an getrennte Wege.
1969 und 1973: Queere Menschen werden sichtbar
Am 28. Juni 1969 wehrten sich queere Menschen im New Yorker Stonewall Inn gegen eine Polizeirazzia. Die Proteste der folgenden Tage gelten als wichtigster Auslöser der modernen Bewegung für die Rechte queerer Menschen in den USA [16]. Am 15. Dezember 1973 strich die American Psychiatric Association Homosexualität aus ihrem Verzeichnis psychischer Störungen [17]. Damit verlor die Vorstellung, Homosexualität sei eine Krankheit, ihre wissenschaftliche Grundlage.
Ab 1976: Das Heilungsversprechen
Ausgerechnet in dieser Zeit entstand die organisierte «Heilungsbewegung». 1976 wurde in den USA Exodus International gegründet, ein Dachverband von Gruppen, die homosexuelles Begehren eindämmen wollten. Lange vertrat Exodus die Überzeugung, dass sich die sexuelle Orientierung verändern lasse [18]. Im deutschsprachigen Raum entstanden ähnliche Angebote, etwa die Seelsorgeinitiative Wüstenstrom, die seit Mitte der 1990er-Jahre zu Fragen der Sexualität berät [19].
1977 bis 1983: Das Thema wird politisch
1977 hatte der Bezirk Dade County in Florida ein Gesetz erlassen, das Schwule und Lesben vor Diskriminierung schützte. Die Sängerin Anita Bryant startete dagegen die Kampagne «Save Our Children». Sie spielte mit der Angst, Homosexuelle seien eine Gefahr für Kinder. Mit 69 zu 31 Prozent stimmte die Bevölkerung für die Aufhebung des Gesetzes [20]. 1979 gründete der Baptistenpastor Jerry Falwell die «Moral Majority», mit der die religiöse Rechte zu einer politischen Kraft wurde [21]. 1983 sah Falwell in Aids eine Strafe Gottes für Homosexuelle [22].
Je sichtbarer queere Menschen wurden, desto stärker wurde die Ablehnung zu einem Erkennungszeichen evangelikaler Kreise. Wer zu dieser Bewegung gehörte, positionierte sich auch in dieser Frage.
1946: Wie «homosexuell» in die Bibel kam
Paulus hat das Wort «homosexuell» nie benutzt, denn es entstand erst 1868. In eine Bibel kam es 1946, als die amerikanische Revised Standard Version (RSV) in 1. Korinther 6,9 zwei griechische Begriffe, malakoi und arsenokoitai, gemeinsam mit «homosexuals» übersetzte. Nach dem Bericht von Baptist News Global war es das erste Mal, dass dieses Wort in einer Bibelübersetzung stand [23].
Am 22. Oktober 1959 schrieb der 21-jährige Theologiestudent David Fearon einen fünfseitigen Brief an Luther Weigle, der das Übersetzungsteam leitete, und kritisierte diese Wahl. Weigle sah die Möglichkeit eines Fehlers. In der überarbeiteten Ausgabe von 1971 war «homosexuals» verschwunden. Inzwischen hatten sich aber andere Übersetzungen wie die NASB oder die NIV an der RSV orientiert, und «homosexuell» hatte sich als Übersetzung durchgesetzt [23].
Auch deutsche Bibeln übersetzen die Stelle sehr unterschiedlich. Die Lutherbibel 2017 spricht von «Lustknaben» und «Knabenschändern», die «Hoffnung für alle» von Menschen, die «homosexuell verkehren» [24]. Je nach Übersetzung liest man also etwas ganz anderes.
Die Ablehnung gab es natürlich schon vor 1946. Seither klingt es aber so, als verurteile die Bibel nicht bestimmte Handlungen, sondern eine ganze Gruppe von Menschen, so wie wir sie heute verstehen. Was die griechischen Begriffe bedeuten, schaue ich mir im Teil zu 1. Korinther 6 genauer an.
Was unter den Versen liegt
Sechs Überzeugungen tragen die Ablehnung. Jede für sich wirkt vielleicht harmlos, zusammen ergeben sie ein geschlossenes System, in dem für queere Menschen kaum ein Ausweg bleibt.
Die Bibel wörtlich nehmen, aber nur manchmal
In vielen Freikirchen gilt die Bibel als wörtlich wahr. Wer fragt, wie ein Text ursprünglich gemeint war und in welcher Zeit er entstand, nimmt sie angeblich nicht ernst. Bei anderen Stellen ist man allerdings deutlich grosszügiger [24]. Dass Frauen im Gottesdienst den Kopf bedecken sollen (1. Korinther 11,5 f.), sei eben damals so gewesen. Beim Wort Jesu, wer sich scheiden lasse und wieder heirate, breche die Ehe (Markus 10,11 f.), müsse man differenzieren. Und dass Reiche kaum ins Reich Gottes kommen (Markus 10,25), sei nicht wörtlich gemeint.
Geht es um zwei Männer oder zwei Frauen, heisst es dagegen schnell, das stehe nun einmal so da. Der Zusammenhang, der sonst so wichtig ist, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Valeria Hinck schreibt in ihrem Buch «Streitfall Liebe», evangelikale Gemeinschaften sähen sich «kaum veranlasst, Herkunft oder Erhalt des Reichtums eines Gemeindemitgliedes kritisch zu hinterfragen». Und sie fragt: «Gab es wohl jemals einen Fall von Gemeindezucht wegen Reichtums?» [25] Mit Gemeindezucht ist gemeint, dass eine Gemeinde Mitglieder bestraft oder ausschliesst.
Die Schöpfungsordnung
Gleich zu Beginn der Bibel heisst es, Gott habe den Menschen als Mann und Frau geschaffen (1. Mose 1,27). Viele Freikirchen leiten daraus eine feste Ordnung ab, mit zwei Geschlechtern, klaren Rollen für Männer und Frauen und Liebe ausschliesslich zwischen Mann und Frau. In den Leitlinien von Freikirchen.ch, dem grössten Schweizer Freikirchen-Dachverband, steht: «Ehe und Sexualität ist zwischen Mann und Frau.» Gegenüber SRF wollte sich der Verband dazu nicht äussern [1].
Lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter und nicht-binäre Menschen kommen in dieser Ordnung nicht vor. Wie eng Rollenbilder und Queerfeindlichkeit verbunden sind, zeigt die Nashville-Erklärung von 2017. Herausgegeben wurde sie vom «Council on Biblical Manhood and Womanhood», einer Organisation, die sich für «biblische Männlichkeit und Weiblichkeit» einsetzt [26]. In ihrem zehnten Artikel heisst es, es sei Sünde, «homosexuelle Unmoral oder Transgenderismus» gutzuheissen, und eine solche Zustimmung sei eine grundlegende Abkehr von christlicher Treue [27].
Sex erst nach der Hochzeit
In vielen Freikirchen gilt Sex vor der Ehe als Sünde. Die empirica-Sexualitätsstudie, durchgeführt vom Forschungsinstitut empirica an der CVJM-Hochschule in Kassel, hat dazu zwischen 2022 und 2025 Christ:innen aus dem deutschsprachigen Raum befragt. An der Online-Umfrage nahmen 10 608 Personen teil. Für fast die Hälfte war die Ehe der einzige legitime Rahmen für Sexualität [28].
Die Studie hat auch christliche Texte und Debatten untersucht. An einem Ende des Spektrums wird Sexualität vor allem als Gefahr gesehen, die nur in der Ehe gebändigt werden kann. Die meisten Stimmen liegen allerdings irgendwo in der Mitte [28]. Die strenge Haltung wird oft als «Purity Culture» bezeichnet, als Reinheitskultur.
Für queere Menschen hat sie eine bittere Folge. Ihnen wird gesagt, sie sollen warten, und zugleich wird ihnen die Ehe verweigert, auf die sie warten könnten. Was für heterosexuelle Singles eine Phase ist, wird für sie zum lebenslangen Zustand. Darum sind Purity Culture und Queerfeindlichkeit eng miteinander verbunden.
«Die Sünde hassen, den Sünder lieben»
Diese Formel soll zeigen, dass man Menschen annimmt, ohne ihr Verhalten gutzuheissen. Max Schläpfer, damals Präsident des Verbandes evangelischer Freikirchen Schweiz und der Pfingstmission, sagte 2012 im Beobachter: «Ich kann doch jemanden gernhaben, auch wenn ich nicht alles billige, was er macht.» [2]
Das klingt freundlich. Bei queeren Menschen kommt es aber oft so an, dass sie zwar queer sein, aber nicht so leben dürfen. Ihre Liebe wird zum «Verhalten», das man nicht billigt. Wenn eine Gemeinde sagt «Wir lieben dich, aber …», hören viele darin: «So, wie du bist, nicht.» Hinter einem freundlichen «Wir beten für dich» steckt für viele die Botschaft, dass sie repariert werden müssen. Und ein «Du bist hier willkommen» gilt oft nur, solange man schweigt.
Das Versprechen, Gott könne heilen
Ab den 1970er-Jahren verbreitete die sogenannte Ex-Gay-Bewegung die Vorstellung, Homosexualität lasse sich mit genügend Gebet, Seelsorge oder Therapie überwinden. Die bekannteste Organisation dieser Bewegung war Exodus International mit ihrem Slogan «Change Is Possible», Veränderung ist möglich.
Im Januar 2012 räumte ihr Präsident Alan Chambers an einer Konferenz des Gay Christian Network ein, bei 99,9 Prozent der Menschen, die er getroffen habe, habe sich die Orientierung nicht verändert. Er entschuldigte sich auch für den Slogan [18]. Im Juni 2013 kündigte Exodus an, sich aufzulösen. Chambers entschuldigte sich öffentlich: «Es tut mir leid, dass wir Bemühungen um eine Veränderung der sexuellen Orientierung gefördert haben.» [29]
Auch in der Schweiz kommen solche Versuche vor. Im Panel Suisse LGBTIQ+ 2023 gaben über neun Prozent der befragten lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen und gegen 16 Prozent der trans Personen an, mindestens einen Versuch erlebt zu haben, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu ändern. Der Bundesrat weist darauf hin, dass die Datenlage begrenzt ist und das tatsächliche Ausmass deshalb schwer zu bestimmen ist [30].
Am 2. September 2026 hat der Bundesrat dazu einen Bericht verabschiedet. Er lehnt Konversionsmassnahmen klar ab und hält fest, das geltende Recht biete bereits umfassenden Schutz. Weil aber eine zunehmende Zahl von Kantonen eigene Massnahmen ergreift und der Schutz in der Schweiz dadurch uneinheitlich ist, könne eine präzisere Regelung auf Bundesebene geprüft werden. Eine Strafnorm würde ein klares Mandat des Parlaments voraussetzen. Eine entsprechende Motion ist noch hängig [30].
Ein politischer Kampf um Werte
Seit den 1970er-Jahren wird die Haltung zu queeren Menschen auch politisch ausgetragen, und ein Argument taucht dabei immer wieder auf: der Schutz der Kinder. Anita Bryant nannte ihre Kampagne 1977 «Save Our Children» [20]. 2017 unterzeichneten rund 150 konservative christliche Leitende die Nashville-Erklärung [26].
In der Schweiz ergriff die christliche Partei EDU gemeinsam mit der Jungen SVP das Referendum gegen die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm, die neu auch vor Diskriminierung wegen sexueller Orientierung schützen sollte [31]. Die Schweizerische Evangelische Allianz warnte ebenfalls davor [32]. Am 9. Februar 2020 sagten trotzdem 63,1 Prozent Ja [33].
Gegen die Ehe für alle ergriff ein von der EDU geführtes Komitee das Referendum. Die Gegner:innen argumentierten vor allem mit dem Kindeswohl. Durch die Samenspende und die gemeinsame Adoption könnten Kinder ohne Vater aufwachsen [34]. Auch der Freikirchen-Dachverband lehnte die Vorlage mit Verweis auf das Kindeswohl ab [35], und die Evangelische Allianz gehörte zu den bekanntesten Gegnerinnen. Am 26. September 2021 sagten 64,1 Prozent Ja. Die Allianz schrieb danach, die Wünsche der Erwachsenen hätten über die Rechte der Kinder gesiegt [34] [36].
Zwischen Bryants «Save Our Children» und dem Kindeswohl-Argument von 2021 liegen 44 Jahre. Mit der Zeit wurde die Haltung zu queeren Menschen so zu einem Erkennungszeichen. Wer sie ändert, gilt in vielen Gemeinden schnell als nicht mehr «bibeltreu».
Was alles zusammenhält
Von aussen fragen viele, warum queere Menschen ihre Gemeinde nicht einfach verlassen. Freikirchen sind aber häufig viel mehr als ein Gottesdienst am Sonntag. Dort sind die Freund:innen, oft auch die Familie, die Freizeit und der Glaube. Wer dort aufgewachsen ist, hat oft kaum Beziehungen ausserhalb. Manche arbeiten sogar bei einem Arbeitgeber aus diesem Umfeld.
Ein Coming-out kann deshalb bedeuten, all das auf einmal zu verlieren. Viele schweigen lange, manche jahrzehntelang. Sie versuchen, sich zu ändern, beten um Heilung oder ziehen sich zurück. Diese Angst vor dem Verlust hält das System stabiler als jede Bibelstelle.
Wie sich Ablehnung zeigt
Queerfeindlichkeit in Gemeinden ist nicht immer laut. Manchmal sind es Predigten über «Sünde» und «Gräuel», der Rauswurf aus der Jugendarbeit oder dem Vorstand, Heilungsgebete und sogenannte Befreiungsdienste oder der Ausschluss aus der Gemeinde. Markus Häsler, damals Vorsteher der Vereinigung Freier Missionsgemeinden, sagte 2012 im Beobachter, Schwule könnten keine Jugendleiter sein, «weil sie für die Jugendlichen keine guten Vorbilder sind» [2].
Oft ist es aber leiser. Ein «Wir lieben dich, aber …», die Erlaubnis zu einer Beziehung ohne Sex, die Einladung an eine trans Frau, nur als Mann zu kommen, oder ein Schweigen, in dem queere Menschen schlicht nicht vorkommen. Auch das tut weh, gerade weil es so freundlich daherkommt und sich schwer benennen lässt. Die Beispiele stammen aus Berichten Betroffener bei SRF und im Beobachter [1] [2].
Was das mit Menschen macht
Eine trans Person erzählt bei SRF: «Als mir nahestehende Personen erfuhren, dass ich eine Frau bin, durfte ich ihr Haus nicht mehr betreten.» Und weiter: «Sie sahen mich in der Hölle.» Die Person beschreibt auch, dass sie nicht wusste, ob sie kämpfen oder sich das Leben nehmen sollte [1].
Studien aus den USA zeigen, wie schwer Ablehnung wiegen kann. Eine Untersuchung mit 40 150 Studierenden zwischen 18 und 29 Jahren an US-Hochschulen, befragt in den Jahren 2006 und 2011, fand grosse Unterschiede. Von den queeren Befragten, die sich als «christlich» ohne genauere Konfession bezeichneten, hatten 36,6 Prozent im letzten Jahr Suizidgedanken. Bei queeren Befragten ohne Religion waren es 15,2 Prozent. Bei heterosexuellen Befragten lagen die Werte viel tiefer, bei 2,6 Prozent für Christ:innen ohne Konfessionsangabe und 4,2 Prozent für Menschen ohne Religion [37].
Die gleiche Studie zeigt aber auch, dass die Werte je nach Religionsgruppe stark auseinandergehen. Bei queeren Befragten, die sich als protestantisch bezeichneten, lag der Anteil zum Beispiel bei 13,2 Prozent, bei katholischen bei 17,4 Prozent. Bei den heterosexuellen Befragten ging eine Religionszugehörigkeit eher mit weniger Suizidgedanken einher, bei den queeren war das nicht durchgehend so. Die Forschenden folgern, dass Religionszugehörigkeit queere Menschen nicht in jedem Fall schützt, und halten es für möglich, dass Glaubensgemeinschaften, die queere Menschen bejahen, eher schützend wirken. Weil die Daten nur eine Momentaufnahme sind, lässt sich daraus keine direkte Ursache ableiten [37].
2019 befragte das Trevor Project 25 896 queere Jugendliche in den USA. Von denen, die eine Konversionsmassnahme erlebt hatten, hatten 42 Prozent einen Suizidversuch unternommen. Bei den anderen waren es 17 Prozent. Jugendliche mit dieser Erfahrung versuchten also mehr als doppelt so häufig, sich das Leben zu nehmen [38].
Wenn dich das gerade betrifft, musst du damit nicht allein bleiben. Die LGBTIQ-Helpline ist von Montag bis Freitag zwischen 19 und 21 Uhr unter 0800 133 133 erreichbar. Die Dargebotene Hand erreichst du rund um die Uhr unter 143. Für Kinder und Jugendliche ist die Nummer 147 Tag und Nacht da.
Warum das alle etwas angeht
Auch wer mit Kirche nichts zu tun hat, ist betroffen. Evangelikale Kreise haben gegen den Diskriminierungsschutz und gegen die Ehe für alle mobilisiert und beide Abstimmungen deutlich verloren [33] [34]. Als Nächstes geht es um ein Verbot von Versuchen, queere Menschen «umzupolen». Der Bundesrat ist offen für eine Regelung auf Bundesebene, entscheiden muss das Parlament [30]. Wie diese Debatte ausgeht, hängt auch davon ab, wie gut die Öffentlichkeit versteht, was in solchen Gemeinden passiert.
Queere Menschen aus Freikirchen arbeiten im selben Büro, sind im selben Verein oder gehören zur eigenen Familie. Viele tragen ihre Erfahrungen jahrelang allein mit sich herum, auch nachdem sie ihre Gemeinde verlassen haben. Wer versteht, woher die Ablehnung kommt, kann ihr besser widersprechen. Und wer zuhört, ohne zu urteilen, kann für die Menschen da sein, die sie abbekommen.
Es bewegt sich etwas
Die Ablehnung ist alt, aber sie ist nicht unveränderlich. 2013 löste sich Exodus International auf und entschuldigte sich für das Leid, das es verursacht hatte [29]. Im November 2019 sprach sich die Synode des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, des Zusammenschlusses der reformierten Kirchen, mit 45 zu 10 Stimmen bei 5 Enthaltungen für die Öffnung der Ehe aus. Die Gewissensfreiheit der Pfarrpersonen sollte dabei respektiert werden [39].
Auch in der freikirchlichen Welt gibt es Bewegung. Seit 2024 lässt die Evangelisch-methodistische Kirche Schweiz gleichgeschlechtliche Ehen zu und öffnet kirchliche Ämter für queere Menschen [1]. Und laut der empirica-Studie sind auch hochreligiöse Freikirchen-Mitglieder nach eigener Einschätzung in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt theologisch liberaler geworden. Die Forschenden führen das eher auf gesellschaftliche Einflüsse zurück als auf einen Generationenwechsel [28].
Queer und gläubig zu sein, ist kein Widerspruch. Es gibt offene Gemeinden und Netzwerke für queere Christ:innen, zum Beispiel das Netzwerk Zwischenraum. Dort kommen gläubige Menschen zusammen, die nicht heterosexuell sind. Sie treffen sich in regionalen Gruppen zum Gebet und zum Austausch [40]. Solche Orte zeigen, dass niemand sich zwischen dem eigenen Glauben und sich selbst entscheiden muss.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil schaue ich mir die erste der sechs Bibelstellen genauer an, die Geschichte von Sodom in 1. Mose 19. Danach folgen die Verse aus dem 3. Buch Mose und die Stellen bei Paulus.
Ich bin keine Theologin. Dieser Text stützt sich auf die folgenden Quellen. Alle Links wurden im Oktober 2026 aufgerufen und geprüft.
Quellen
[1] SRF, «Queer in der Freikirche: «Ich wollte mich nicht länger verstecken»», Dokus & Reportagen, 12.3.2025. Link
[2] Beobachter, «Homosexuelle nicht erwünscht», 2012. Link
[3] National Association of Evangelicals, «What is an Evangelical?» (mit den vier Merkmalen nach David Bebbington). Link
[4] Augustinus, De bono coniugali (Vom Gut der Ehe), um 401. Link
[5] Augustinus, Confessiones (Bekenntnisse), Buch III, Kapitel 8. Link
[6] Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II, Frage 154, Artikel 11. Link
[7] Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II, Frage 154, Artikel 12. Link
[8] Wikipedia, «Richard Puller von Hohenburg». Link
[9] Wikipedia, «Paragraph 175», Abschnitt zur Vorgeschichte mit dem Wortlaut von Artikel 116 der Carolina. Link
[10] Lukas Gschwend, «Carolina», Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.2.2005. Link
[11] Werner Raupp, «Spittler, Christian Friedrich», Neue Deutsche Biographie 24 (2010). Link
[12] EBSCO Research Starters, «Westphal Advocates Medical Treatment for Sexual Inversion». Link
[13] Christian History Institute, «Who Were the Fundamentalists?». Link
[14] Online Etymology Dictionary, «fundamentalism». Link
[15] Wikipedia, «Homosexualität in der Schweiz». Link
[16] Wikipedia, «Stonewall riots». Link
[17] HISTORY.com, «The American Psychiatric Association removes homosexuality from its list of mental illnesses», zum 15.12.1973. Link
[18] Wikipedia, «Exodus International». Link
[19] Malte Göbel, «Seminare zur homosexuellen Umpolung», taz, 17.4.2009. Link
[20] EBSCO Research Starters, «Anita Bryant Campaigns Against Gay and Lesbian Rights». Link
[21] Wikipedia, «Moral Majority». Link
[22] UPI, «Falwell urges action on AIDS», 12.7.1983. Link
[23] Kathy Baldock, «As a 21-year-old seminarian, David Fearon challenged the RSV translators on the word homosexual», Baptist News Global, 10.1.2023. Link
[24] Lutherbibel 2017 und Hoffnung für alle auf bibleserver.com (1. Mose 1,27; Markus 10,11 f. und 10,25; 1. Korinther 6,9 f. und 11,5 f.). Link
[25] Valeria Hinck, «Streitfall Liebe», Kapitel «Historischer Kontext», S. 21 bis 24. Link
[26] Christianity Today, «Complementarians Issue New Manifesto on Gender Identity», 29.8.2017. Link
[27] Council on Biblical Manhood and Womanhood, «Nashville Statement», Artikel X. Link
[28] empirica-Sexualitätsstudie (Künkler, Faix et al.), Zusammenfassung, 2025. Link
[29] Religion News Service, «Exodus International to shut down after president’s apology to gay community», 20.6.2013. Link
[30] Bundesrat, «Konversionsmassnahmen: Bundesrat offen für gesetzliche Regelung auf Bundesebene», 2.9.2026. Link
[31] Beobachter, «Darum gehts bei der Abstimmung zur Anti-Rassismus-Strafnorm», 2020. Link
[32] Evangelical Focus, «Swiss vote yes to special protection of LGBTs, evangelicals call to guarantee freedom of speech», 10.2.2020. Link
[33] Swissvotes, Abstimmung vom 9.2.2020 (Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung), Kurzbeschreibung. Link
[34] Swissvotes, Abstimmung vom 26.9.2021 (Ehe für alle), Kurzbeschreibung. Link
[35] Blick, «Knatsch bei der Kirche: Ehe für alle spaltet die Christen», 13.8.2021. Link
[36] Evangelical Focus, «Swiss say yes to gay marriage, adoption, and sperm donation for lesbians», 27.9.2021. Link
[37] Blosnich, De Luca, Lytle, Brownson, «Questions of faith: Religious affiliations and suicidal ideation among sexual minority young adults», Suicide and Life-Threatening Behavior 50 (6), 2020. Link
[38] The Trevor Project, National Survey on LGBTQ Youth Mental Health, 2019. Link
[39] Evangelical Focus, «Swiss Protestant Church votes to allow same-sex marriages», 6.11.2019. Link
[40] Léa Burger, «Kirche und Homosexualität: Vereint im Glauben an Gott und an die Gleichberechtigung», SRF, 5.4.2020. Link

