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Wir fordern ein Verbot von Konversionsmassnahmen

Rede von Lea Blattner, gehalten an der BernPride 2026.

Ich war zehn, als ich zum ersten Mal gehört habe, dass Lesbischsein falsch ist.

Ich ahnte da schon, dass ich es bin.

Acht Jahre später war ich achtzehn. Da hat zum ersten Mal jemand die Hände auf mich gelegt, um es aus mir herauszubeten.

Und dann noch einmal acht Jahre. Fast jede Woche ein Coaching. Heilungsgottesdienste. Dämonenaustreibungen.

Von zehn bis sechsundzwanzig. Sechzehn Jahre. Die Hälfte meines Lebens habe ich damit verbracht, gegen mich selbst zu kämpfen. Erst allein, dann mit professioneller Hilfe. Das ist meine Geschichte. Ich erzähle sie nicht, weil sie besonders ist, sondern weil sie es nicht ist. Es gibt ein Wort für das, was mit mir gemacht wurde. Die UNO hat es so aufgeschrieben: Diese Praktiken sind grausam und können Folter darstellen.

Und jetzt schaut mit mir ein paar Meter in diese Richtung. Zum Bundeshaus. Dort liegt seit Jahren ein Verbot dieser Praktiken auf einem Tisch und wartet. Auf einen Bericht. Die Schweiz weiss, was hier passiert und die Schweiz prüft noch.

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Diese erste Kerze brennt für die, die gegangen sind. Für die, die es nicht bis hierhin geschafft haben. Für die, denen man so lange gesagt hat, sie seien falsch, bis sie es geglaubt haben. Sie können heute nicht mit uns feiern und tanzen. Also stehe ich hier.

Ich weiss, wie sich das anfühlt, wenn Menschen, die es angeblich gut mit dir meinen, für deine Heilung beten.

Man nennt es Konversionsmassnahmen. Aber niemand nennt es so, wenn es passiert. Es heisst zum Beispiel Seelsorge. Gebetskreis. Befreiungsdienst. Es kommt freundlich daher und es sagt dir mit sanfter Stimme, dass du so, wie du liebst, nicht existieren darfst. Es ist Gewalt in Zeitlupe.

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Diese Kerze brennt für die, die heute Abend mittendrin sind. Die in einem Hauskreis sitzen und schweigen. Sie sind nicht auf dieser Pride. Sie dürfen nicht hier sein. Und für sie erzähle ich euch jetzt, was die Schweizer Politik gegen Folter unternimmt.

Im Dezember 2022 hat der Nationalrat Ja gesagt zu einem nationalen Verbot. Und dann? Dann ging es in den Ständerat, und dort liegt es bis heute. Der Ständerat wartet auf einen Bericht des Bundesrats. Bestellt im März 2022.

Im Frühjahr 2024 hiess es, der Bericht komme im Sommer. Er kam nicht. Danach wurde Frühjahr 2026 versprochen. Wieder kam er nicht. Vier Jahre, in denen jede Woche irgendwo in diesem Land Menschen hören, dass Gott sie nur lieben kann, wenn sie aufhören zu sein, wer sie sind.

Ich weiss, was vier Jahre bedeuten. Und für manche waren es die letzten Jahre, die sie hatten, bevor sie unter dem Druck zerbrachen.

Aber es kommt noch besser. 2024 machten Luzern und Basel-Stadt mit einer Standesinitative Druck. der Nationalrat lehnte ab. Begründung: Wir warten auf den Bericht. Man wartet nicht auf Berichte, während Menschen kaputtgehen. Wer wartet, obwohl er handeln könnte, entscheidet sich.

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Diese Kerze brennt aus Wut. Für alles, was uns genommen wurde und nicht zurückkommt. Die Jugend, die wir nicht hatten. Die ersten Verliebtheiten, die wir uns abtrainiert haben. Die Jahre, in denen wir uns selbst bekämpft haben, statt zu leben.

Und weil diese Kerze aus Wut brennt, rede ich jetzt mit denen, bei denen das alles stattfindet.

Ich rede mit den Gemeinden, Verbänden und Verantwortlichen, in denen diese Praktiken bis heute stattfinden oder relativiert werden.

Ihr sagt, bei euch gebe es keine Konversionsmassnahmen. Ihr habt recht. Bei euch gibt es nur Gebet um Befreiung. Nur Jüngerschaftstrainig. Nur Heilungsgottesdienste. Nur die Erwartung, dass man enthaltsam lebt, sonst keine Mitarbeit, keine Taufe, keine Zugehörigkeit. Ihr habt das Wort abgeschafft und die Praxis behalten.

Ihr sagt, das sei freiwillig. Ich war achtzehn. Ich hätte jederzeit Nein sagen dürfen. Auf dem Papier. Freiwillig ist es, wenn man Nein sagen kann, ohne alles zu verlieren. Wer mit achtzehn weiss, dass ein Nein die eigene Familie kostet, die Freundschaften, den Glauben und jeden Menschen, den man kennt, willigt nicht ein. Der zahlt. Und ihr habt den Preis festgelegt.

Die Bischofskonferenz und die Reformierten haben diesen Mai gesagt, es reicht. Ohne auf den Bericht zu warten. Wo war die Erklärung eurer Dachverbände? Ihr sagt nichts. Dieses Schweigen ist eure Position.

Und jetzt sage ich zwei Punkte, die ebenfalls wichtig sind zu sehen. Nicht alle Kirchen machen das. Es gibt viele Gemeinden in diesem Land, die den Weg gegangen sind und heute Menschen segnen, statt sie reparieren zu wollen.

Und, Seelsorge kann das Beste sein, was einem Menschen passiert. Ich habe Seelsorge erlebt, die mich zerstört hat, und Seelsorge, die mich zurückgeholt hat. Ohne die zweite Sorte wäre ich heute nicht hier.

Der Unterschied ist ein einziger. Die einen wussten schon vorher, was aus mir werden soll. Die anderen nicht. Genau diese Grenze gehört ins Gesetz.

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Diese Kerze brennt für die, die rausgekommen sind. Für die, die neu anfangen mussten, ohne Gemeinde, ohne Familie, manchmal ohne Sprache für das, was passiert ist.

Denn niemand redet darüber, was Aussteigen kostet. Man verliert nicht nur eine Überzeugung. Man verliert den Freun:innenkreis, weil er identisch war mit der Gemeinde. Man verliert Eltern, die einen weiterhin lieben und trotzdem dafür beten, dass man umkehrt.

Und dann steht man mit sechsundzwanzig da und muss lernen, was andere mit sechzehn gelernt haben. Wie man liebt. Wie man einen Körper bewohnt, der einem jahrelang als Problem beschrieben wurde.

Diese Kerze brennt für alle, die den Glauben dabei verloren haben. Und genauso für alle, die ihn behalten haben und dafür von beiden Seiten schief angeschaut werden.

Zurück nach Bundesbern. Man wird uns dort sagen, ein Verbot sei kompliziert. Es ist nicht kompliziert. Die Kantone beweisen es. Die halbe Schweiz hat geschafft, was Bundesbern angeblich noch jahrelang prüfen muss. Aber ein Flickenteppich schützt niemanden. Diese Anbieter sind mobil. Sie denken nicht in Kantons- oder Landesgrenzen, sie denken in Missionsgebieten. Die Schweiz darf nicht weiterhin die Insel sein, auf die sich selbsternannte Heiler zurückziehen, weil man sie überall sonst gestoppt hat.

Es reicht kein symbolisches Verbot. Kein Kompromiss. Wir fordern ein wirksames Verbot. Und wirksam heisst: Es erfasst alle Massnahmen, die sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder Geschlechtsausdruck verändern oder unterdrücken wollen. Es kommt mit einer Strafnorm, die abschreckt. Es umfasst nicht nur Minderjährige. Ich war achtzehn, als es anfing. Volljährig. Wo immer ihr die Altersgrenze zieht, ich wäre auf der falschen Seite gestanden, und die Leute, die das mit mir gemacht haben, hätten einfach gewartet, bis ich alt genug bin. Abhängigkeit hört nicht am achtzehnten Geburtstag auf, genauso wenig wie geistliche Macht.

An den Ständerat, ein paar Meter von hier: Im Herbst liegt der Bericht auf eurem Tisch. Dann ist die letzte Ausrede weg. Wir werden auf der Tribüne sitzen. Wir werden zuhören. Und wir werden uns erinnern. Wir sind eure Nachbar:innen. Eure Kinder. Eure Wähler:innen.

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Diese letzte Kerze brennt nicht für die Vergangenheit. Sie brennt für den Tag, an dem dieses Verbot kommt. Ich zünde sie im Voraus an, weil ich mich weigere, nur zu trauern.

Ich bin nicht geheilt worden. Ich bin entkommen. Mit sechsundzwanzig. Und ich bin nicht entkommen, weil dieses Land mich geschützt hätte. Ich bin entkommen, weil ein paar Menschen mich aufgefangen haben. Mein Überleben war Glück. Ein Rechtsstaat, der Überleben dem Glück überlässt, hat aufgehört, einer zu sein.

Darum stelle ich diesem Land heute nur eine einzige Frage: Wie viele sterben noch, bis ihr fertig geprüft habt?

Ich habe 26 Jahre gebraucht, um den nächsten Satz sagen zu können.

Ich sage ihn heute für alle, die ihn noch nicht laut sagen dürfen.

Ich bin lesbisch. Ich bin nicht krank oder sündig. Ich war es nie.

Und wir hören nicht auf, bis man in diesem Land die Hände von uns lässt.

Für die, die gegangen sind – Für die, die heute mittendrin sind – Für die Wut – Für die, die rausgekommen sind Für den Tag, an dem das Verbot kommt.