«Ich wünsche mir einfach ein ganz normales Leben.»

Andreas, Zwischenraum

Geliebt bist Du dort, wo Du sein kannst, wie Du bist!

Lebensbericht von Roland – eine wahre Geschichte über Scham und Sehnsucht nach Selbstfindung

Ich möchte mit Euch mein Leben teilen. Vielleicht finden sich einige Leserinnen und Leser wieder in dem was hier steht. Nach vielen Jahren voller Scham, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung stehe ich heute zusammen mit zahlreichen Freunden gefestigt und selbstbewusst als schwuler Christ da. Wenn es um die Veränderung meiner sexuellen Orientierung geht, kann ich hier keine vorher-nachher-Photos präsentieren, denn es hat nicht so funktioniert, wie man es mir versprach.

Ich bin der erste Sohn meiner Eltern. Ich wuchs in einem christlichen Elternhaus auf. Dafür bin ich Gott dankbar. Meine Eltern stammen beide aus äusserst prekären Familienverhältnissen und hatten keinen christlichen Hintergrund. Früh während meiner Kindheit erzählte mir meine Mutter ihre von Leid und Schmerz geprägte Kindheit und Jugend. Von meinem Vater weiss ich lediglich, dass er vaterlos aufwuchs und der Älteste von vier Kindern war. Nach Beendigung seiner Schulzeit fühlte er sich verpflichtet, Geld zu verdienen um die Not zu Hause zu lindern. Meine Eltern führten während mehr als zwei Jahrzehnten ein grosses Geschäft. Dieses Engagement forderte sie aufs Äusserste heraus und sie erlebten viele Niederlagen, Entbehrungen und Demütigungen.

Vier Jahre nach meiner Geburt kam mein Bruder zur Welt. Ich war seit meiner frühen Kindheit ein sehr feinfühliges Kind. Ich wuchs mit dem Gefühl auf ein gewolltes und geliebtes Kind zu sein. Schon im Kindergarten war mir jedoch bewusst, dass mit mir höchstwahrscheinlich irgendetwas nicht stimmte. Warum konnte man mich nicht einfach so annehmen wie ich war? Warum musste man mich immer verprügeln, plagen und hänseln? Diese Muster der Ablehnung zogen sich wie ein roter Faden während meiner ganzen Schulzeit hindurch und waren stets „treue Begleiter“. In der 8. oder 9. Klasse machte ich meine ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Mitschüler. Wie es dazu kommen konnte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Da wurde mir bewusst... eigentlich ziehen mich Jungs viel mehr an als Mädchen. Ich stand am Anfang meiner Pubertät und fühlte mich völlig orientierungslos.

Meine Mutter, selber ein Missbrauchsopfer, nahm all ihren Mut zusammen, schenkte mir ein kleines Buch und wir sprachen über das heisse Eisen der Sexualität. Rückblickend betrachtet erhielt ich höchstwahrscheinlich ein einseitiges und unvollkommenes Bild der Sexualität. Ich spürte: „Sex ist schlecht - notwendiges Übel“.

Kühle und distanzierte Vaterbeziehung

Während meiner Kindheit erlebte ich die Ehe meiner Eltern als absolute Katastrophe. Sie war geprägt von viel Streit und von viel verbaler Gewalt seitens des Vaters gegenüber der Mutter. Rückblickend ist es für mich schwer nachvollziehbar, weshalb die Ehe meiner Eltern nicht einer Scheidung zum Opfer fiel. Reaktionen und Äusserungen meines Vaters waren stets unberechenbar. Über Jahre hinweg hatte ich Angst vor ihm. Früh stand für mich klar - heiraten werde ich nie und nimmer. Ich konnte als Kind nicht verstehen, weshalb mein Vater mit ihr so brutal umging, wo er doch ihre elende Kindheit kannte. 

Meine Pubertät und die schwierigen Lebensphasen gingen weiter. Konflikte mit meinem Vater nahmen an Intensität zu. Zweifelsfrei, mein Vater war mit mir und mit dem Rest der Familie um ein Vielfaches strenger als mit den Angestellten in seinem Betrieb. Er hatte von uns allen eine sehr hohe Leistungserwartung. Ich musste oft im Betrieb meines Vaters mithelfen aber vieles was ich anpackte, misslang. Lob und Anerkennung gab es nie. In diesen Konfliktsituationen war meine Mutter stets meine Kämpferin, die für mich Dinge zu Recht bog. Wenn der Vater etwas von mir wollte, schickte er die Mutter und wenn ich etwas vom Vater wollte, entsandte ich Mama. 

Oft dachte ich... so kann das nicht weitergehen. Der Gedanke, die Welt wäre freier und besser, wenn ich nicht existieren würde, wurde immer grösser. Ich zweifelte immer wieder an meiner Existenzberechtigung.

Mit 22 Jahren zog ich im Frieden von zu Hause aus. Ich richtete mir eine kleine gemütliche Wohnung ein und genoss die neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen. Meine Homosexualität löste sich durch meinen Wegzug nicht etwa in Luft auf. Männer zogen mich immer stärker an. Nun war ich auf mich alleine gestellt. Ich schwankte hin und her zwischen Faszination und Abscheu für die „schwule Welt“. Doch ich stellte rasch fest, auch die gay community hat ihre Ecken und Kanten. Wem soll ich mich öffnen? Wem kann ich vertrauen? Wo finde ich kompetente Hilfe? Ein einziges Gebet und ein Einzelgespräch wird diese Sache nicht lösen.

Ist da ein Licht am Ende des Tunnels…?

Ich lag eines Nachts schlaflos mit einer Grippe im Bett. Alle Glieder schmerzten, ich entschloss mich, aufzustehen und den Fernseher anzuschalten. Ich drückte an der Fernbedienung herum und blieb ich bei der nächtlichen Wiederholung der christlichen Sendung „Fenster zum Sonntag“ (ERF) hängen. Plötzlich hörte ich, wie ein junger schwuler Mann von seiner Homosexualität erzählte, wie er Hilfe fand und auch wie er seinen Weg aus der Sackgasse suchte. Das Fieber und meine Schmerzen standen auf einen Schlag nicht mehr im Vordergrund, ich sass mitten in der Nacht hellwach auf meinem Sofa. In einer Zeit ohne Internet und Email entschloss ich mich, dem ERF zu schreiben mit der Bitte, mein Schreiben diesem jungen Mann weiterzuleiten, was auch ohne weiteres gemacht wurde. Wenige Tage später lag seine Antwort in der Post. Er freute sich, dass sein Lebensbericht nicht umsonst gewesen war. Als ich seine Absenderadresse las, stellte ich verblüfft fest – er wohnte gerade mal 500 Meter Luftlinie von mir entfernt!

Meine Einladung zu einem Nachtessen nahm er gerne an. Er erzählte mir nochmals aus seinem Leben, von seinen Erfahrungen als homosexueller Mann und seinen Beziehungen mit Männern. Es war für mich ein ergreifender Abend. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der in „mein Gärtchen“ hineinschauen durfte. Niemand kann sich meine Scham auch nur annähernd vorstellen. Er war es auch, der mir Adressen, Prospekte und sonstige Hilfsangebote mitbrachte. Meine ersten Schritte aus einer verzweifelten Anonymität heraus waren geschafft. 

Das Ausfüllen des umfangreichen Anmeldeformulars für das „Living  Waters (1)“-Seminar war eine Herausforderung der ganz besonderen Art. Unmittelbar vor dem ersten Seminartermin kochte die Scham förmlich in mir. Ich sass noch im Auto und sagte zu Gott: „Herr, falls ich hier auch nur  ein  Gesicht  irgendwie  identifizieren kann, verschwinde ich und lasse mich nie wieder blicken!“ Ich kannte niemanden. Ich verspürte rasch, hier bei „Living Waters“ kannst du mal so sein wie du bist. Offensichtlich gab es genug Männer wie mich, um ganze Seminare zu füllen. Das Gefühl in einer ausweglosen Situation nicht alleine zu sein, ist befreiend.

1998/1999 besuchte ich den ersten „Living Waters“-Kurs. Ich war voller Glauben, voller Hoffnung und hoch motiviert. Die Kurs-Informationen und die Worte der Verantwortlichen klangen äusserst verheissungsvoll und ich war bereit den hintersten Winkel meines Lebens auszuleuchten und zu hinterfragen. Ich war der festen Überzeugung, hier handelt es sich um ein gut funktionierendes Instrument und es ist eine Frage der Zeit, dann wird sich meine sexuelle Orientierung verändern wie das langsame Drehen eines Lichtschalters. Ich bin Gott nach wie vor sehr dankbar, dass ich diese „innere Entwicklungsarbeit“ an mir machen konnte. Es war nicht immer einfach, aber ich bin all den Menschen, die mit mir ein Stück dieses Weges gegangen sind, sehr dankbar.

Schaff ich ein 2. Coming out…?

Ich habe mit Unterbrüchen insgesamt dreimal „Living Waters“ besucht, wobei jeder Kurs ca. 8 Monate dauerte. Gegen Ende des 3. Kurses war ich jedoch verzweifelt. Auf der einen Seite habe ich vieles gelernt und verstanden, aber auf der anderen Seite ist dieser ernorme Wunsch und die grosse Hoffnung, dass sich meine sexuelle Orientierung verändert, nicht in Erfüllung gegangen. Diese Tatsache stürzte mich in die grösste und tiefste Glaubenskrise meines Lebens. Ich fing an, an Gott und an mir zu zweifeln. Ich war der festen Überzeugung, bei anderen Teilnehmer wird dieser Kurs unmittelbar die erwünschten Ergebnisse bringen. Warum schlägt diese „Reparativtherapie“ bei mir nicht an? Später, an einem Männerabend nahm ich all meinen Mut zusammen und versuchte diese Tatsache in Worte zu fassen. Es war für mich so etwas wie ein zweites Coming out. Die Anwesenden nahmen meine Äusserungen mit viel Verständnis und Liebe auf.

Wie weiter…?

Eines Tages erzählt mir ein guter Freund mit viel Begeisterung von einer Gruppe von homosexuellen Christen, die er kennen gelernt hat. Diese Menschen sind ihm mehr und mehr ans Herz gewachsen. Immer wieder hörte ich von seinen Begegnungen mit schwulen Christen des „Zwischenraum“. Viel verlieren konnte ich nicht - also entschloss ich mich diese Menschen persönlich kennen zu lernen. Dieser Sonntagnachmittag wird für mich unvergesslich bleiben. Eine neue Welt öffnete sich, eine neue Vielfalt von Menschen mit Lebensgeschichten, die ihresgleichen suchten. Viel Nachdenkliches und trauriges mischt sich in diese Leben hinein, dort wo Betroffene wegen ihrer Homosexualität aus ihren Gemeinden rausgeschmissen wurden. Hier kommt mir spontan ein Wort von Sheila Walsh (UK Sängerin) in den Sinn:

Geliebt bist Du dort, wo Du sein kannst, wie Du bist!

Zum nachdenken…

Sexualforscher und die Wissenschaft sind sich über die wahren Gründe der Entstehung von Homosexualität noch völlig unschlüssig. Evangelikale Christen, die evangelikale Seelsorge und die gesamte Ex-Gay-Theorie buchen sämtliche negative Anhaltspunkte aus der Kindheit auf das Konto der Homosexualität. Eine überbeschützende Mutter und ein distanzierter Vater – so lässt sich ganz grob die Ex-Gay-Theorie zusammenfassen. Eine bestimmte Rechnung geht für mich heute jedoch nicht mehr auf: Wenn prekäre familiäre Situationen dermassen entscheidend für die Entstehung von Homosexualität sind, müssen dann nicht viel mehr Menschen homosexuell sein, als nur die etwa 3% bis 10% der Bevölkerung, die immer wieder in Statistiken angegeben werden?

Missbräuche oder Übergriffe Dritter im Leben eines Menschen müssen nicht immer und ausschliesslich sexueller Natur sein und sie müssen auch nicht zwangsläufig in die Homosexualität führen. Auch in meinem Leben sind Missbräuche geschehen, nicht sexueller Natur, und nach meinem Erkenntnisstand heute besteht ein Unterschied zwischen der Tatsache, homosexuell zu empfinden und missbraucht zu werden. Diese Erkenntnis ermöglicht es mir, mich selbst unter einem differenzierten Aspekt zu betrachten. Ich habe gelernt meine Homosexualität als Teil von mir zu akzeptieren und sehe darin heute auch eine Art Aufgabe, Christen gerade dort in ihrem fundamentalistischen und konservativen Denken abzuholen. Ich bin weder Theologe noch ein Mensch, der seinem Gegenüber Bibelworte an den Kopf wirft. Im Vordergrund steht für mich der Austausch auf Herzensebene. Mein Leben soll reden und meine Mitchristen herausfordern, Ihre Haltung zu überdenken.

(1) Desert Stream Ministries (Living Waters) ist eine US-amerikanische Organisation, die sich zur Aufgabe gesetzt hat, Homosexuelle aus ihrer sexuellen Veranlagung heraus in die Heterosexualität zu führen, und ist der Ex-Gay-Bewegung zuzurechnen. (Quelle: Wikipedia).

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